Echt Cool

Acht Orte, an denen der Sommer noch so klingt, wie er klingen sollte

Es gibt Tage im Jahr, an denen man das Gefühl hat, die Luft selbst hat aufgehört zu atmen. Die Asphaltstraßen flimmern, die Klimaanlage läuft auf Hochtouren, und irgendwo im Hinterkopf formt sich leise eine Frage: Muss das wirklich so sein?

Nein, muss es nicht.

Europa ist größer, wilder und kühler als seine überhitzten Postkarten vermuten lassen. Es gibt Orte auf diesem Kontinent, an denen der Sommer noch nach Sommer riecht — nach feuchtem Moos, nach Fichtenharz, nach salzigem Wind vom Meer. Orte, an denen man abends eine Jacke braucht und morgens mit dem Gedanken aufwacht: Heute wird ein guter Tag.

Acht solcher Orte. Acht Länder. Acht Gründe, den Koffer anders zu packen.

Österreich – Turracher Höhe

Wo zwei Bundesländer und drei Seen aufeinandertreffen

Der erste Hinweis kommt, noch bevor man oben ist. Die Straße windet sich in engen Kehren hinauf, die Luft wird merklich frischer, und irgendwo zwischen dem dritten und vierten Haarnadelbogen fragt man sich, warum man das nicht schon viel früher gemacht hat.

Die Turracher Höhe liegt auf 1.763 Metern, genau dort, wo Kärnten und die Steiermark aufeinandertreffen — und diese Grenze verläuft mitten durch den See. Der Turracher See ist ein Gebirgssee der alten Schule: klar, tief, mit Wassertemperaturen, die im Hochsommer kaum über 18 Grad steigen. Kein Ort für Badeliegen und Cocktailschirmchen, aber ein Ort, der einen wackrüttelt.

Rundherum stehen Österreichs größte zusammenhängende Zirbenwälder. Diese alten Bäume, langsam gewachsen, knorrig und beharrlich, geben der Luft etwas Harzig-Sauberes, das man in keiner Stadt der Welt findet. Wer auf dem Drei-Seen-Weg spaziert — vorbei am Turracher See, am Schwarzsee und am smaragdgrünen Grünsee —, versteht schnell, warum Menschen hierher kommen und einfach nicht mehr nach Hause wollen.

Die Nockberge im Hintergrund tun ihr Übriges. Diese sanft geschwungenen Gipfel, die höchsten bis auf 2.441 Meter, haben nichts Zackiges, nichts Dramatisches — sie laden ein. Zum Wandern, zum Stillhalten, zum Schauen. Die Panoramabahn bringt einen auf knapp 2.000 Meter, von wo aus man das gesamte Plateau wie aus der Vogelperspektive überblickt. Abends kuschelt man sich unter die dicke Bettdecke — mitten im Sommer.

Tipp: Die Almbutler-Card für Gäste eröffnet Zugang zu geführten Wanderungen, Bergbahnen und einem Picknick an Stellen, die man alleine nie findet.

Hoteltipps: Seehotel Jägerwirt www.seehotel-jaegerwirt.at Hotel Hochschober www.hochschober.com

Norwegen – Lofoten-Inseln

Lofoten-Inseln Norwegen
Foto: Jon Flobrant

Berge, die aus dem Meer steigen

Auf einer Landkarte sieht es fast unglaubwürdig aus: eine Inselkette, die nördlich des Polarkreises liegt, auf derselben Breite wie Grönland. Und doch: Im Sommer zeigen die Lofoten ein Gesicht, das mit dem, was man sich unter „arktisch“ vorstellt, wenig gemein hat.

Die Berge schießen senkrecht aus dem Wasser. Rote Fischerhütten — Rorbuer nennen die Norweger sie — klammern sich ans Ufer. Und die Sonne geht nicht unter. Zwischen Ende Mai und Mitte Juli herrscht Mitternachtssonne, ein Phänomen, das den Begriff „Nacht“ schlicht außer Kraft setzt.

Die Temperaturen bewegen sich im Sommer zwischen 10 und 16 Grad. Nicht warm genug zum Baden — das Meerwasser hält sich hartnäckig um 10 bis 13 Grad —, aber ideal für alles andere: Wanderungen auf den Reinebringen mit Blick auf das postkartenreife Fischerdorf Reine, Kajaktouren durch enge Fjorde, stilles Angeln am frühen Morgen.

Was die Lofoten von anderen Schönheiten unterscheidet, ist die Stille zwischen den Dingen. Die Weite. Die Tatsache, dass ein Wolkenschatten, der über die Berge zieht, hier wie ein Ereignis wirkt.

Tipp: Wer dem Hochsommer-Trubel entkommen will, reist im Juni oder Ende August. Die Stimmung ist dieselbe, die Parkplätze sind leerer.

Schottland – Isle of Skye

Isle of Skye Schottland
Foto: Martin Bennie

Eine Insel, die sich anfühlt wie eine andere Zeit

Die Straße nach Portree, dem kleinen Hauptort der Insel, führt durch eine Landschaft, die man entweder sofort liebt oder die einem ein leises Unbehagen beschert — weil sie so anders ist als alles, was man kennt. Moorland, das bis zum Horizont reicht. Wasserfälle, die über schwarze Basaltfelsen stürzen. Und immer dieser Wind, der einem ins Gesicht schlägt und einen gleichzeitig wackrüttelt und beruhigt.

Die Isle of Skye im Hochsommer: selten über 18 Grad, meistens kühler. Der Himmel wechselt in Stunden zwischen Sonnenschein, Nebel und einem feinen Nieselregen, der alles in Silber taucht. Genau das macht diese Insel zu dem, was sie ist: unvorhersehbar, rau, von einer Schönheit, die sich nicht für jeden gleich erschließt.

Der Old Man of Storr, jene verwitterte Felsnadel, die über dem Trotternish Ridge aufragt, ist der Klassiker. Aber die Quiraing-Wanderung über ein von Gletschern geformtes Plateau, die Fairy Pools im Westen der Insel — klares Quellwasser in Türkistönen, das man tatsächlich berühren will und dann erschrickt, wie kalt es ist — oder ein Dram Whisky in der Talisker Distillery: Skye hat mehr als seine Bilder.

Tipp: Die Insel ist über eine Brücke mit dem Festland verbunden — kein Fährticket nötig. Unterkunft frühzeitig buchen, die besten Häuser sind im Juni schon weg.

Island – Landmannalaugar

Landmannalaugar Island
Foto: Unsplash

Wo die Erde noch nicht fertig ist

Landmannalaugar liegt im isländischen Hochland, und dieser Satz sagt schon viel. Das Hochland ist nur im Sommer zugänglich, und selbst dann nur mit geländetauglichen Fahrzeugen. Man muss sich diesen Ort verdienen.

Was einen erwartet: eine Mondlandschaft in Farben, die kein Maler erfinden würde. Rhyolitberge, von der Erde selbst auf Hoch- und Tieftemperatur gefärbt, leuchten in Gelb, Grün, Lila, Rot. Dazwischen: Lavafelder, Schneeflocken, die den ganzen Sommer über liegenbleiben, und heiße Quellen, in denen man bei 10 Grad Außentemperatur badet — mit Atemwolken über dem Gesicht und warmem Wasser um den Körper.

Es gibt keine Straßen, die diesen Namen verdienen. Es gibt kaum Infrastruktur. Und genau das ist der Punkt. Landmannalaugar ist der Startpunkt des Laugavegur, eines der schönsten Weitwanderwege der Welt. Wer ihn geht — vier bis sechs Tage, von Hütte zu Hütte —, kommt als ein anderer Mensch zurück.

Die Temperaturen liegen im Sommer bei 8 bis 15 Grad. In der Hochlandluft, klar und unberührt, fühlen sich selbst 10 Grad lebendig an.

Tipp: Der Zustieg zum Hochland erfordert ein Hochlandfahrzeug oder einen organisierten Bus ab Reykjavik. Hüttenplätze für den Laugavegur müssen Monate im Voraus gebucht werden.

Montenegro – Durmitor Nationalpark

Durmitor Nationalpark Montenegro
Foto: Pietro De Grandi

Das unbekannte Dach des Balkans

Wer Montenegro sagt, denkt an Kotor, an die Bucht, an das Adriatische Meer, das im Sommer blau und warm und voll ist. Dabei liegt eine ganz andere Montenegro-Welt nur zwei Autostunden landeinwärts: das Durmitor-Massiv, ein UNESCO-Weltnaturerbe, das im Juli noch Schneeflecken auf seinen Gipfeln trägt.

Žabljak ist der kleine Ort, der als Basis dient. Auf 1.450 Metern gelegen, ist er die höchstgelegene Stadt auf dem Balkan. Die Luft hier riecht nach Harz und Regen. Die Nächte sind kühl, die Abende lang, und die Stille ist so vollständig, dass man sie fast hören kann.

Der Tara-Canyon, zweittiefste Schlucht der Welt nach dem Grand Canyon, schlängelt sich durch die Landschaft. Wer ihn raftet, erlebt Wasser, das aus Gletschern kommt und entsprechend temperiert ist. Wer ihn von oben betrachtet, von der Đurđevića Tara Brücke aus, begreift, was das Wort „Dimension“ eigentlich meint.

Die umliegenden Gletscherseen — darunter der Crno jezero, das Schwarze Auge — liegen still zwischen Kiefern. Wanderwege führen zu Aussichtspunkten, die man mit niemandem teilen muss.

Tipp: Ein Mietwagen ist zwingend. Öffentliche Verkehrsmittel enden an der Küste. Wer Rafting plant, bucht am besten in Žabljak direkt vor Ort.

Slowakei – Hohe Tatra

Hohe Tatra Slowakei
Foto: Martin

Der Geheimtipp, den Österreicher oft vergessen

Irgendwo zwischen Wien und Krakau liegt eine Bergwelt, die in Mitteleuropa ihresgleichen sucht: die Hohe Tatra, schmal und kompakt und von einer alpinen Dramatik, die man hier nicht erwartet. Gerlachovský štít, der höchste Gipfel der Karpaten, ragt auf 2.655 Meter — und er ist der höchste Punkt zwischen den Alpen und dem Kaukasus.

Die Bergstädte am Fuß der Tatra — Štrbské Pleso, Tatranská Lomnica, Poprad — sind bequeme Ausgangspunkte. In den Tälern ist es warm. Auf den Gipfeln hingegen weht ein anderer Wind. Schneefelder, die sich im Hochsommer hartnäckig halten. Gletscherseen, die so klar sind, dass man den Grund auf zehn Meter Tiefe sieht. Wanderwege, die in Europa selten so frei und weit sind.

Was die Tatra besonders macht: die Kombination. Nach einer langen Wanderung auf 2.000 Meter wartet unten ein Aquapark mit Thermalwasser. Die Slowakei hat diese Mischung aus Bergluft und Wohlbefinden längst verstanden — und hält sie für Gäste bereit, ohne sie zu vermarkten.

Tipp: Das Tatry-Zugticket gibt es für wenige Euro und verbindet die Bergstädte untereinander. Kein Auto nötig.

Irland – The Burren, County Clare

Cliffs of Moher Irland
Foto: Adrien Olichon

Eine Mondlandschaft an der Atlantikküste

County Clare im Sommer: Die Temperaturen liegen bei 16 bis 18 Grad, der Atlantik schickt seine Winde, und der Himmel wechselt so schnell die Meinung, dass ein Regenbogen hier eher die Regel als die Ausnahme ist.

The Burren ist keine gewöhnliche Landschaft. Kalksteinplatten, von Jahrtausenden geformt, bedecken das Gelände wie ein riesiges, graues Puzzle. Zwischen den Ritzen wächst Wildblumen, die hier und nur hier vorkommen: mediterrane Orchideen Seite an Seite mit arktischen Alpenpflanzen. Botaniker kommen hierher und glauben, sie träumen.

Die Cliffs of Moher, ein paar Kilometer westlich, sind berühmter und entsprechend besuchter. Wer früh morgens kommt — um sieben, wenn der Nebel noch über den Klippen hängt —, hat sie fast für sich. Weißer Schaum auf schwarzem Wasser, zweihundert Meter unter den Füßen. Zwischen Mai und August nisten Papageientaucher in den Felsspalten: rund 30.000 von ihnen.

In den Pubs von Doolin wird abends gespielt. Nicht für Touristen. Einfach so.

Tipp: County Clare ist Irlands erstes landesweites, zertifiziertes Nachhaltigkeitsziel. Viele Touren werden zu Fuß oder mit dem Rad angeboten.

Bulgarien – Rhodopen-Gebirge

Rhodopen-Gebirge Bulgarien
Foto: Kalen Emsley

Das Europa, das nicht auf Instagram ist

Die Rhodopen sind das Gebirge, von dem man nichts weiß, bis man drin ist. Dann versteht man, warum Bulgaren hierher fahren, wenn der Rest des Landes im Sommer schwitzen muss. Das Hochplateau liegt zwischen 1.200 und 1.700 Metern, der Wind kommt vom Balkan, und die Temperaturen bleiben selbst im August bei angenehmen 18 bis 22 Grad.

Die Trigrad-Schlucht ist das dramatische Zentrum dieser Landschaft: steile Felswände, ein Fluss, der durch die Enge drängt, und am Ende davon die Teufelskehlenhöhle. Ihr Name ist Programm — laut Legende ist sie der Eingang zur Unterwelt, durch den Orpheus stieg, um Eurydike zu suchen. Ob das stimmt, lässt sich nicht belegen. Aber wenn man in der Kühle der Höhle steht, während draußen die Sonne brennt, ist die Mythos-Kraft des Ortes sehr spürbar.

Die Dörfer rundum — Shiroka Laka, Gela, Trigrad — haben sich kaum verändert. Steinhäuser aus dem 18. Jahrhundert, Gastgärten, in denen Patatnik serviert wird, und Menschen, die Zeit haben.

Wildpferde streifen über die Hochplateaus. Das ist kein Werbebild — das ist einfach so.

Tipp: Smolyan ist die nächste Stadt mit guter Unterkunft. Von dort aus lassen sich alle Ziele der Rhodopen an einem Tag erreichen.


Nachklang

Acht Orte, acht Temperaturen, acht Gründe, im Sommer nicht zu schwitzen.

Was sie verbindet, ist mehr als kühle Luft. Es ist das Gefühl, irgendwo angekommen zu sein, wo die Welt noch in ihrem eigenen Rhythmus schlägt. Wo ein Morgen nach Zirbenholz riecht, oder nach Atlantiksalz, oder nach nassem Moos im Fichtwald. Wo man abends müde ist — nicht von Erschöpfung, sondern von dem, was man gesehen hat.

Manche Menschen nennen das Urlaub. Es ist mehr.

Text: VIA Redaktion | Titelbild TV Turracherhöhe