Plantschen bei einstelligen Wassertemperaturen? Definitiv nix für Zartbesaitete – aber gesund für Körper und Geist. Wo man sich der coolen Challenge in der Steiermark stellen kann, verraten wir hier.
Von Anja Fuchs
Seit einigen Jahren ist es ziemlich hip, minutenlang in eiskaltem Wasser zu verharren. Verantwortlich dafür ist ein niederländischer Extremsportler namens Wim Hof, der unter anderem den Kilimandscharo in Shorts bestieg, Ewigkeiten in Kübeln mit Eiswürfeln verharrte und sich dadurch den Titel „Iceman“ sicherte.
Mit einer Praktik, die hauptsächlich auf einer speziellen Atemtechnik und regelmäßigem Baden in kaltem Wasser basiert, wurde er zur Galionsfigur des freiwilligen Fröstelns. Seitdem sorgt Eisbaden in sämtlichen Kreisen für Gesprächsstoff – wer hat schon, wer noch nicht? Ob man Wim Hof nun cool findet oder nicht: Neben der Tatsache, dass ein Eisbad ziemlich instagrammable ist, zieht es – erwiesenermaßen – tatsächlich eine Vielzahl an positiven und sehr verlockenden Effekten nach sich. Die da wären: Je öfter man sich ins kalte Nass begibt, desto besser lernt der Körper, mit Kälte umzugehen. Sprich, man friert weniger schnell. Zusätzlich stärkt es das Immunsystem, hilft beim Stressabbau, trainiert das Kreislaufsystem, verkürzt die Regeneration nach dem Sport, pusht den Stoffwechsel, aktiviert den Vagusnerv, was für mehr Ausgeglichenheit sorgt, und produziert mit Endorphinen und Glückshormonen ein natürliches „High“.
Überzeugt? Dann nichts wie los! Damit es keine Ausreden gibt, haben wir die besten Möglichkeiten zum Eisbaden in der Steiermark gleich hier zusammengefasst.
Mutig in die Mur
Dass sich in Graz in den letzten Jahren eine richtige Eisbade-Community aufgebaut hat, ist nicht zuletzt Lucas Hammerer aka „Luke Goodlife“ zu verdanken. Der Chemiker, Content Creator, Fotograf und Atemtrainer entdeckte seine Leidenschaft fürs Eisbaden 2020 während der Covid-Pandemie – und steckte damit schnell andere an. Daraus entstand die ständig wachsende Eisbaden-Community, die sich seitdem jeden Sonntag von Oktober bis April um 10 Uhr in der Augartenbucht versammelt, um gemeinsam im kalten Wasser zu verweilen. Aktuelle Infos gibt es in der Facebook-Gruppe „Eisbaden Graz“. Zusätzlich veranstaltet Hammerer immer wieder Retreats, bei denen neben Eisbaden auch Atemtechniken am Programm stehen.
Community Eisbaden Graz
Für den guten Zweck ins kühle Nass
Unter dem Motto „Wir schwimmen, du hülfst“ treffen sich mutige Schwimmer jeweils Sonntag um 13.30 Uhr zum Benefiz-Eisschwimmen am Grazer Stadtstrand. Initiiert wird die Aktion bereits seit mehreren Jahren von Ice-Iron-Woman und Triathletin Claudia Müller. Der Erlös der Aktion kommt zu 100 Prozent Kindern mit Handicap zugute. Mit dem „großen“ Winterschwimmen am 15. Dezember 2024 geht die Initiative ins Finale.
Facebook Claudia Müller
Eis-Package in der Oststeiermark
Das Retter Bio-Natur-Resort in Pöllauberg bietet mehrmals im Jahr die Möglichkeit, Eisbaden begleitet von Profis – wie Rekord-Eisschwimmer Josef Köberl – kennenzulernen. Der weitläufige, im „Garten der Sinne“ liegende Naturteich mit eigener Schwimmzone bietet dafür ideale Bedingungen. Zusätzliche Programmpunkte wie Yoga, Meditationen und Mentaltrainings sowie ein tolles Wellness- und Kulinarikangebot runden das Package ab.
Eisbaden und Atemseminar
„Wer ins kalte Wasser springt, taucht ins Meer der Möglichkeiten.“
Finnisches Sprichwort
Mit den Profis frösteln lernen
Wenn einer weiß, wie man Kälteresistenz entwickelt, dann Josef Köberl. Der gebürtige Grundlseer brach in den letzten Jahren mehrere Rekorde im Eisschwimmen und gibt sein Know-how in Kursen und Trainings in verschiedensten Kursen und Workshops in ganz Österreich weiter. Da Männer und Frauen – erwiesenermaßen – unterschiedlich auf Kältereize reagieren (Eisschwimmen wirkt sich u. a. positiv auf Hormone und Zyklus aus), beschloss Köberl, reine Frauengruppen anzubieten und holte dafür die österreichische Eisschwimm-Meisterin Barbara Anderl ins Boot.
Eisschwimmen
Drei Säulen für mehr Happiness
Als ehemaliger Snowboard-Profi ist Flo Mausser an tiefe Temperaturen gewöhnt. In diversen Workshops für Anfänger und Fortgeschrittene, die auch im Rahmen der betrieblichen Gesundheitsvorsorge und als Teambuilding-Format angeboten werden, sowie speziellen Reisen und Retreats bringt er den Teilnehmern gemeinsam mit Partnerin Martina Sowinz die drei Säulen der Wim-Hof-Methode – Atemtraining, Mindset und Kältetraining – näher. Dafür haben die beiden sogar ihre eigene Wim-Hof-Location in Oberdorf bei Mitterdorf an der Raab geschaffen. Die „Group Sessions“ – d. h. der Stammtisch für erfahrene Wim-Hof-Fans findet an einem Natureisbadeplatz direkt an der Raab statt.
Wim-Hof-Location
Biohacker schwören auf Kälte
Auch wenn Eisbaden in den westlichen Ländern erst in den letzten Jahren zum Lieblingssport der Biohacking-Szene avancierte: Das Schwimmen im eisigen Nass ist per se nichts Neues, sondern hat in vielen Kulturen lange Tradition. Ihren Ursprung hat die Praxis bei den Skythen, einem Reiternomadenvolk, das zwischen 700 vor und 200 nach Christus in den eurasischen Steppen lebte. Um ihren Nachwuchs frühzeitig an die harschen Wetterverhältnisse zu gewöhnen, wurden diese im eiskalten Wasser gebadet. Doch auch die Erwachsenen praktizierten das Eisbaden, um die Durchblutung zu fördern und sich abzuhärten.
Auch Goethe war ein cooler Typ
In skandinavischen Ländern sowie in Russland ist Eisschwimmen heute nicht nur fester Bestandteil der traditionellen Saunakultur, sondern quasi Breitensport. Jedes Jahr finden Events und Festivals statt, bei denen Menschen gemeinsam in kalten Seen oder Flüssen plantschen. Auch die Germanen sollen ihre Neugeborenen zum Abhärten ins Eiswasser getaucht haben, und an den Nord- und Ostseeküsten wird das neue Jahr seit eh und je mit einem kalten Bad – oft in bunten Kostümierungen – eingeleitet. Berühmtheiten wie Karl der Große und Johann Wolfgang von Goethe waren ebenfalls Fans des Winterschwimmens – Letzterer soll sogar in Weimar das Eis der Ilm aufgehackt haben, um dort mit seinen Freunden zu baden.
Ab dem 18. Jahrhundert wurde kaltes Wasser in der Medizin immer systematischer zu therapeutischen Zwecken genutzt. Als einer der Pioniere auf diesem Gebiet gilt nach wie vor Sebastian Kneipp: Auf der Suche nach geeigneten Therapien für seine Tuberkulose-Erkrankung stieß der Priester auf Kaltwassertherapien. Nachdem er sich selbst erfolgreich damit geheilt hatte, forschte
er weiter, entwickelte neue Anwendungen und machte die Heilkraft des kalten Wassers in breiten Bevölkerungsschichten salonfähig.
Ice, Ice, baden: Was muss ich beachten?
Safety first: Grünes Licht fürs Eisbaden holt man sich am besten durch einen Check-up beim Arzt. Gerade am Anfang außerdem immer jemanden als Begleitung mitnehmen, fließende Gewässer meiden, sichere Stelle für den Einstieg suchen und idealerweise nur im stehtiefen Wasser baden.
Langsam herantasten: Von „Eisbaden” spricht man offiziell bei Wassertemperaturen von 5 Grad und darunter. Für den Anfang eignen sich aber durchaus auch höhere Temperaturen von 12 bis 15 Grad, von denen man sich dann langsam nach unten arbeitet. So oder so: Nie ins kalte Wasser springen, sondern stets behutsam und vorsichtig reingehen. Wichtig: Beim Eisbaden nicht mit dem Kopf untertauchen!
Wärmespeicher: Extremitäten kühlen schneller aus – Neoprensocken und -handschuhe helfen, den Wärmeverlust zu reduzieren; auch eine Haube ist sinnvoll.
Auf den Körper hören: Um Unterkühlungen zu vermeiden, vor allem anfangs maximal drei Minuten im kalten Wasser bleiben. Bei Kältezittern das Eisbad sofort beenden.
Aufwärmen: Nach dem Eisbad ist Wärmeerhaltung mit warmer Kleidung (am besten mehrere Lagen) und Decken angesagt. Empfohlen werden auch warme, alkoholfreie Getränke.
Wichtig: Langsam und kontrolliert aufwärmen!
Maximale Dosis: Auch, wenn es mit der Zeit süchtig macht: Mediziner raten zu maximal einem Eisbad pro Tag.
Light-Variante: Morgens kalt zu duschen, hat ähnlich positive Effekte auf den Organismus – und eignet sich perfekt, um fürs Eisbaden zu trainieren.
Beitragsbild: Luke Goodlife

