Mirella Kuchling liebt es, zu morden – natürlich nur auf dem Papier. Ihr erster Kriminalroman spielt in Graz und entführt in tiefste weibliche Abgründe.
Sie liest sogar, während sie im Kochtopf rührt, liebt es, die Welt mit ihrem 1976er-VW-Käfer zu erkunden, ihre Wohnung im Grazer Bezirk Gries mit einem Mix aus Alt und Neu zu designen – und über Giftmischerinnen, Kindsmörderinnen sowie schwarze Witwen zu schreiben. Mittlerweile ist Mirella Kuchling Bestsellerautorin der Edition Keiper, wo kürzlich auch ihr erster Kriminalroman „Die Engelmacherin von Graz“ erschienen ist. Auf sich aufmerksam gemacht hat die Germanistin einst mit der amüsanten „Frauenzimmer“-Trilogie – drei Liebesromane, in denen die Protagonistin ihre Wohnung nach und nach über Affären zu möblieren versucht. Wie es zum Genrewechsel kam und mit welchen Storys sie uns künftig zum Schaudern bringt, verrät die Krimiautorin im VIA-Interview.
In deiner Anfangszeit als Autorin warst du noch auf weniger morbidem Terrain unterwegs. Wie kam es, dass du in der Krimiszene gelandet bist?
Begonnen hat alles 2015, als ich für einen Sammelband der Edition Keiper eine Kriminalgeschichte eingereicht habe. Diese landete dann beim bekannten Krimiautor Robert Preis, der es mir ermöglichte, beim Fine Crime Festival dabei zu sein – wofür ich ihm noch heute dankbar bin. Dort saß ich dann, als komplette Newcomerin. Noch ohne ein Buch, dafür mit meinen vier ausgedruckten Zetteln. Ich würde sagen, in diesem Moment habe ich Blut geleckt. 2016 nahm ich dann bereits mit meiner ersten Sammlung voller Kriminalgeschichten
(„13 x Mord“) am Fine Crime Festival teil – diesmal als „richtige“ Krimiautorin.
Mit den „Mörderischen Frauenzimmern“ folgte schließlich ein Ausflug ins True-Crime-Genre. Warum Geschichten über Frauen?
Nun ja, ich habe mir gedacht, es gibt so viele Aufzeichnungen und Geschichten über männliche Serienmörder, aber nur wenige über Frauen. Da wollte ich herausfinden, woran das liegt bzw. ob es vielleicht wirklich so wenige Fälle mordlustiger Frauen gab. Daraufhin habe ich zu recherchieren begonnen. Und siehe da: Material gibt es genug. Wenn ich wollte, könnte ich endlos darüber schreiben. Die Recherche ist allerdings gar nicht so ohne. Bei Fällen wie denen aus dem österreichischen Kriminalmuseum ist es vergleichsweise noch einfach. Aber bei anderen Delikten divergieren die Quellen teilweise, zum Beispiel bei alten Zeitungsartikeln. Vor allem bei englischsprachigen Quellen habe ich exakt darauf geachtet, alles so präzise wie möglich zu übersetzen. Immerhin geht es bei True Crime um Zahlen, Daten und Fakten – da sollte alles stimmen. Dabei wollte ich mich nicht auf Übersetzungsprogramme verlassen.
Was sich durch all deine bisherigen Werke zieht, ist ein gehobener Sprachstil.
Stimmt, das ist mir einfach wichtig. Denn einerseits bin ich Germanistin und andererseits sind meine großen literarischen Vorbilder Edgar Allan Poe und Roald Dahl. Bei Letzterem gefällt mir besonders gut, dass er seine Geschichten so schön langsam aufbaut – bis dann plötzlich etwas passiert, was dich quasi aus den Schuhen hebt. Diese Schreibweise mag ich.
Wenn man sich die wahren Fälle ansieht – wie unterscheiden sich denn weibliche Mörder von männlichen?
Es scheint auf jeden Fall so zu sein, dass Frauen ihre Taten langfristiger planen, sich besser darauf vorbereiten und subtiler vorgehen, sprich, weniger aus dem Affekt heraus handeln. Vor allem bei den alten True-Crime-Storys war häufig Gift im Spiel, und nicht selten wurden uneheliche Kinder zum Opfer der Tat, wenn Frauen weder vom Staat noch von ihren Familien unterstützt wurden. Natürlich bin ich bei meinen Recherchen auch auf Fälle gestoßen, in denen Frauen aus reiner Lust und Freude getötet haben – aber das ist eher die Ausnahme. Meist geschah es aus der Not heraus.
Stimmt es, dass dein neues Buch „Die Engelmacherin von Graz“ aus einer deiner True-Crime-Storys heraus entstanden ist?
Genau. Und zwar aus der Geschichte der Amelia Dyer – eine Krankenschwester und Serienmörderin, die im historischen England zwischen 200 und 400 Säuglinge getötet und in die Themse geworfen haben soll. Um ihre Spuren zu verwischen, ist sie dazwischen immer wieder umgezogen, was auch viele Jahre lang funktioniert hat, bis sie schließlich hingerichtet wurde. Diese Geschichte hat mich nicht losgelassen – sodass ich irgendwann beschlossen habe, eine eigene Story daraus zu kreieren. Mein Roman spielt nun im Graz des späten 19. Jahrhunderts, genauer gesagt im Bezirk Gries, wo ich selbst wohne. Ich habe dabei auch ordentlich Lokalkolorit mit hineinverwoben. Und neben jeder Menge Intrigen und Morde erzählt der Roman auch eine nette Liebesgeschichte.
Jeder neue Roman ist auch mit Präsentationen und Lesungen verbunden. Wie geht es dir nach so vielen Jahren damit, bist du noch nervös?
Ich habe noch immer vor jeder Lesung Lampenfieber. Oft denke ich mir dann: „Mirella, warum tust du dir das eigentlich an? Schnell ab zum Flughafen und weg, egal wohin!“ Am Anfang der Lesung bin ich dann meist noch nervös, aber irgendwann legt sich das – spätestens dann, wenn ich merke, dass es den Leuten Spaß macht oder sie fasziniert. Trotzdem kostet es mich jedes Mal Überwindung, vor allem weil ich eine Person bin, die nicht unbedingt gerne im Rampenlicht steht. Würde ich zum Beispiel einen Text von Thomas Mann lesen, wäre das anders – aber wenn man etwas von sich selbst liest, quasi das eigene Herzblut präsentiert, fühlt man sich gewissermaßen „nackt“ und angreifbarer.
Hast du schon ein nächstes Projekt in Planung?
Ja, ich arbeite gerade an einer weiteren True-Crime-Sammlung, genauer gesagt an einer Fortsetzung der „Mörderischen
Frauenzimmer“. Diesmal stehen mörderische Paare im Mittelpunkt des Geschehens – und zwar in jeglicher Gruppierung, also Frauen und Frauen, Männer mit Männern, Ehepaare etc. Außerdem sind auch Fortsetzungen der „Engelmacherin von Graz“ geplant, also weitere Romane zur neuen Bezirkskrimi-Reihe.


