Knigge? Einfach mal nett sein!

Knigge | Robert Kneschke/AdobeStock

Warum Stress ein Höflichkeitskiller ist und der ursprüngliche „Knigge“ mit starren Benimmregeln so gar nichts am Hut hat – und trotzdem aktueller ist denn je.

Von Anja Fuchs

Wer kennt es nicht: Man ist gestresst von der Arbeit, hat keine Zeit und keinen Geist für nichts und niemanden (schon gar nicht für sich selbst), ist ungeduldig und genervt – und als ob das nicht reichen würde, gerät man sich auch noch mit dem Partner, einem Freund oder einem Kollegen in die Haare. Im Eifer des Gefechts erkennt man nicht, wie es dazu kommen konnte – und ärgert sich grün und blau über das Verhalten der anderen. Würde man die Situation jedoch von außen betrachten, fiele es einem oft wie Schuppen von den Augen: Ups, da habe ich mich aber unhöflich verhalten – und die andere Person damit ordentlich vor den Kopf gestoßen.

Neben Unwissenheit oder Bequemlichkeit gilt Stress als als einer der größten Höflichkeitskiller. Kein Wunder: Er verändert erwiesenermaßen sowohl Wahrnehmung als auch Kommunikationsfähigkeit und verpasst uns eine kurze Zündschnur. Ein „Bitte“ oder „Danke“, einen Rückruf oder eine Antwort auf ein Mail zu vergessen, dem Gegenüber nicht zuhören, unpünktlich sein oder jemanden zu Unrecht anfauchen: Übernimmt das Reptilien­gehirn die Kontrolle, unterlaufen solche Patzer selbst jenen, die sonst gute Manieren pflegen.

Umgangsformen im Reality-Check

Gerade in einer Zeit, in der Stress quasi zum Alltag gehört, sollte man jedoch nicht vergessen: Umgangsformen sind der soziale Kitt unserer Gesellschaft. Die Regeln der Höflichkeit machen unser Miteinander nicht komplexer, sondern angenehmer und leichter – sei es im Business, in der Partnerschaft oder innerhalb der Familie. Ein guter Grund, sowohl den eigenen Stresslevel als auch sein Verhalten gegenüber Mitmenschen achtsam im Auge zu behalten – und gegebenenfalls nachzubessern. Die eigenen Umfangsformen von Zeit zu Zeit einem Reality-Check zu unterziehen, kann Benimm-Experten zufolge nie schaden. Denn in einer Sache sind sich alle einig: ­Höflichkeit ist alles andere als altmodisch, sondern nice – und das in jeder Altersklasse. Wobei die Basis guten ­Benehmens nicht darin besteht, die richtige Anordnung des Bestecks für ein Fünf-Gänge-Menü zu kennen, sondern vielmehr in einem wertschätzenden Umgang mit anderen. Diesbezüglich ist der „Knigge“ aktueller denn je – obwohl sich vielen schon die Haare aufstellen, wenn sie das Wort nur hören. Nicht zuletzt, weil hinter dem Knigge – dem Regelwerk schlechthin, wenn es um gute Umgangsformen geht – eine staubtrockene, antiquierte Benimmfibel voller steifer Anstandsgebote und Instruktionen für perfekte Hofknickse, Krawattenknoten und Tischmanieren vermutet wird.

Der Knigge-Trugschluss

Dabei hatte Adolph Freiherr von Knigge, Verfasser und Namensgeber des 1788 erschienenen Ursprungswerks, etwas völlig anderes im Sinn. Schon der Titel „Über den Umgang mit Menschen“ verrät seine Intention – nämlich „in dieser Welt und in Gesellschaft mit anderen Menschen glücklich und vergnügt zu leben und seine Nebenmenschen glücklich und froh zu machen“.
Daraus entstand ein soziologischer Ratgeber, in dem Knigge persönliche Erfahrungen teilte und Empfehlungen zum richtigen Umgang mit Individuen unterschiedlicher Charakterzüge, Neigungen und Ansichten festhielt. Zum Benimmpapst avancierte der Schriftsteller erst unfreiwillig post mortem – indem seinem Werk mit jeder neuen Auflage Anstandsregeln hinzugefügt wurden, von denen er selbst sich stets distanziert hatte. Vielmehr hatte er es genossen, sich über die Etikette des Adels und dessen höfische Verhaltensweisen ­lustig zu machen.

Knigge
Das Smartphone gilt als einer der größten Aufmerksamkeitsfresser der Neuzeit. Experten meinen: Einen bewussten Umgang damit zu pflegen, kann unsere Beziehungen zu anderen deutlich verbessern. | Foto: Svitlana/AdobeStock

Empathie statt Etikette

Ein Nachfahre Knigges beschloss viele Jahre später, dem Ursprungswerk entsprechend Tribut zu zollen. 2004 erschien „Spielregeln. Wie wir miteinander umgehen sollten“ von Moritz Freiherr Knigge. Neben der modernen Fassung des Ur-Knigges veröffentlichte der 2021 verstorbene Betriebswirt und Unternehmenscoach weitere – sehr empfehlenswerte! – Ratgeber mit lebensnahen, humorvollen Benimmtipps rund um Social Life, Hausfrieden oder Büroalltag. Sie alle haben eines gemeinsam – nämlich mit klassischer Etikette nicht viel am Hut. Dafür umso mehr mit Wertschätzung für andere. Eine Wertschätzung, die sich oft in Kleinigkeiten ausdrückt – zum Beispiel in einem freundlichen „Guten Morgen“ im Lift. Die Kunst für ein respektvolles Miteinander sahen die Knigges vor allem darin, sich bewusst zu machen, wie das eigene Verhalten auf das Gegenüber wirkt. Denn: Mit dem Finger an der eigenen Nase kann man nicht auf andere zeigen. Einige Philosophien und Tipps des Knigge-Freiherren sowie nützliche Regeln für den Alltag haben wir hier zusammengefasst.




KNIGGE TO GO:
Haltung bewahren leicht gemacht

Contenance! Die Knigges sahen Höflichkeit als eine Haltung, die auch dazu dient, das eigene komplizierte Leben – und das der anderen – etwas einfacher zu machen. Die Kunst dabei: auch in schwierigen, konfliktgeladenen Situationen noch höflich zu bleiben. Ein Tipp, der vielen Situationen sofort den Wind aus den Segeln nimmt: hinter unhöflichem Verhalten von anderen keine böse Absicht, sondern erst mal ein Missverständnis vermuten.

Arroganz ist uncool: Alle Regeln der Business-Etikette beherrschen und mit dem teuersten Smoking zum Galadinner erscheinen: schön und gut. Dabei die Servicekräfte von oben herab zu behandeln, macht jeden Eindruck von Stil zunichte.

Diplomatisch bleiben: Die Suppe war versalzen oder das Steak von well done weit entfernt? Denken Sie daran: „Don’t shoot the messenger!” Kellner sind nur Boten, die Nachrichten vom Tisch in die Küche und zurück tragen.

Seien Sie großzügig! Bereits der Ur-Knigge wusste: „Enthülle nicht die Schwächen deiner Nebenmenschen.” Ein Beispiel: Spaghetti ohne Löffel essen ist definitiv eine tolle Sache. Mit den Augen zu rollen, wenn andere einen Löffel zu Hilfe nehmen oder sie gar zu belächeln: besser sein lassen.

(Dr)Esscode: Ein allgemeingültiger – und einfach umsetzbarer – Tipp für die Frage „Was anziehen ins Restaurant?” lautet: gut gekleidet gut essen. Und da man üblicherweise auch am Hotelbuffet im Urlaub gut essen möchte, gilt hier: Flip-Flops, Muscle-Shirts und freie Oberkörper gehören hier nicht hin.

Ehrliches Feedback: Laut Knigge nicht immer notwendig. Das neue Sofa des Nachbarn ist potthässlich, er aber unglaublich stolz darauf? Hier empfiehlt Knigge Diskretion: Nicht alles, was gesagt werden könnte, muss gesagt werden – denn gute Gespräche in guter Gesellschaft können auch in der geschmacklosesten Umgebung stattfinden.

Hatschi! Beim Thema „Niesen” scheiden sich die Geister: Darf man jetzt noch „Gesundheit!” wünschen oder nicht? Experten meinen: Man darf. Als Entscheidungshilfe kann hier die Art des Niesens dienen: Niest jemand herzhaft und offen, sollte man auch darauf reagieren. Geht der Niesende hingegen verschämt damit um, einfach darüber hinwegsehen.

„Es ist (wieder) cool, gut anzukommen, um besser auszukommen.“

Monika Gerhold | Knigge | Foto: Fotogenia
Monika Gerhold
ist zertifizierte Knigge-Trainerin, Trainerin für Business-Etikette sowie Image- und Stilberaterin in Graz.
personal-shopper-graz.at
Foto: Fotogenia

Welche Benimmregeln werden heutzutage am häufigsten vernachlässigt?
Monika Gerhold: Sehr häufig das aktive Zuhören. Viele Menschen sind schnell abgelenkt, vor allem durch das Smartphone, und schenken dem Gegenüber nicht ihre volle Aufmerksamkeit. Auch Dankbarkeit ausdrücken und kleine Gesten der Höflichkeit, wie Türen aufhalten oder andere ausreden lassen, gehen oft unter. Das gleiche gilt für pünktliches Erscheinen – in der heutigen, oft stressigen Zeit wird Pünktlichkeit nicht mehr so ernst genommen, obwohl es Wertschätzung signalisiert. Auch angemessene Begrüßungen und Verabschiedungen werden oft knapp gehalten oder ganz vergessen, besonders in digitalen Kontexten. Benimmregeln wie diese tragen jedoch viel zur positiven Kommunikation und zum respektvollen Umgang miteinander bei.
Wie kann man sich in Sachen Umgangsformen weiterbilden und welche Erfahrungen machen Sie bei Ihren Trainings?
Es gibt in Österreich inzwischen einige Knigge-Trainer, denn: Es ist (wieder) cool, gut anzukommen, um besser auszukommen. Ich arbeite hauptsächlich mit Lehrlingen und veranstalte vor Ort in Betrieben eine Benimm-Fit-Olympiade. Dabei fällt mir auf, dass grundlegende Tischmanieren oft komplett in Vergessenheit geraten sind. Schon ein gedeckter Tisch mit mehr als einem Messer, einer Gabel und einem Löffel stellt viele vor eine Herausforderung. Die Unsicherheit hält viele junge Leute sogar ­davon ab, einmal ein gehobenes Restaurant zu besuchen, weil sie sich mit der Etikette unsicher fühlen. Am Ende eines Kurses ist es immer wieder schön zu hören, dass viele zu Beginn dachten, so ein Training sei unnötig – und dann begeistert sind, wie viel Sicherheit sie im Auftritt dazugewonnen haben.

Drei Benimmregeln, die sowohl im Alltag als auch im Business einfach zu integrieren sind:

  1. Pünktliches Erscheinen: Es signalisiert dem Gegenüber Respekt und Verlässlichkeit und hinterlässt im Businesskontext immer einen professionellen Eindruck.
  2. Aktives Zuhören: Während eines Gesprächs volle Aufmerksamkeit zu schenken, also Blickkontakt zu halten und das Handy beiseitezulegen, zeigt echtes Interesse und Wertschätzung für die Meinung des anderen und stärkt das Vertrauensverhältnis.
  3. Eine klare und freundliche Begrüßung ­sowie ein wertschätzendes Verabschieden sind einfache Gesten, die den Kontakt abrunden und im Gedächtnis bleiben.

Beitragsbild: Robert Kneschke/AdobeStock