Wer in die Mongolei reist, lernt eine Welt der Extreme kennen. Nomadenleben in Jurten, endlose Grassteppen und riesige Wüsten gehören zur Einzigartigkeit. Auch das Nationalgetränk Airag ist außergewöhnlich – vergorene Stutenmilch.
1.564.000 km² groß ist die Mongolei, 19 Mal so groß wie Österreich. Gut 3,3 Millionen Menschen mit beinahe 70 Millionen Zuchttieren leben in dem Steppenland. Und ein Viertel der Menschen lebt immer noch als viehhütende Nomaden auf dem Land.
Cityfeeling in UB. „Sain Baina uu!“ – zu Deutsch Hallo –, begrüßt uns Guide Murun, der in Deutschland studiert hat und nun bei Wandertouren seine Liebe zu Natur und Menschen weitergibt. Die Hauptstadt Ulan Bator, oft als UB bezeichnet, ist mit 1,3 Millionen Menschen eine boomende Stadt. „Es wachsen ständig neue Wolkenkratzer in den Himmel, in den Hinterhöfen stehen aber noch bewohnte Jurten – und nebenan marschieren Mönche ins Kloster zum Gebet. UB wächst rasant. Aber am Land regieren weiter Ruhe und Einsamkeit“, lächelt Murun. Er führt durch die Stadt, vom berühmten buddhistischen Gandan-Kloster über den Sükhbaatar-Hauptplatz mit riesigen Statuen bis zum Bogd-Khan-Museum – und ins mongolische Restaurant. Traditionell waren die Mongolen zwar Fleischesser, Russlands Einfluss sorgte später für Gemüse und Salate auf der Speisekarte. Jedenfalls passen Buuz, Teigtaschen mit Gemüse- oder Fleischfüllung, perfekt als Einstieg. Und eine herzhafte Halbe Dschingis Bier vom Zapf würde auch bei uns Abnehmer finden.
Nomadenland. Raus aus der Stadt – dafür sorgen die zwei Fahrer Otgoo und Hurlee. Ohne sie und ihre russischen Allrad-Minibusse, Marke UAZ und ihren Orientierungssinn gäb’s kein Vorankommen auf den Pisten. In zwei Wochen möchte Murun seinen Wandergästen die Welt der Nachfahren von Dschingis Khan näherbringen. Nach einer ersten Wandertour im Schatten des Khogno-Khan-Gebirges, wo sich Steppe und Taiga treffen, ist das Jurtencamp (Ger) erreicht. An einem weiten Flussmäander gelegen, werden Pferde, Rinder und Schafe mit der Motocross-Maschine zur Tränke gebracht. Wir wohnen hier bei einer Nomadenfamilie, reiten mit Pferden aus, haben Zeit fürs Bogenschießen und „Shangaii“-Spielen (ein mongolisches Würfelspiel mit Tierknöchelchen). Um tags darauf nach einer Tour den Alltag der Viehzüchter kennenzulernen, um Aarnul (getrocknetes Joghurt), Suutai Tsai (salziger Milchtee) und das Nationalgetränk Airag zu verkosten. Gastfreundschaft ist im Land der großen Einsamkeit allgegenwärtig, doch auch über ihre Probleme erzählen sie. Überweidung ist ein Problem, genauso „Dzud“. So werden Schnee- und Eiskatastrophen im Winter genannt. Mehr als 1,5 Millionen Herdentiere sind (laut Angaben der staatlichen Notstandskommission) im letzten Winter verhungert.
Vor dem Besuch hat uns Murun mit einigen Nomadenregeln vertraut gemacht: Steig nie auf die Schwelle, wenn du traditionelle Jurten (Gers) betrittst – das ist ein böses Omen für die Bewohner. Lass deine Füße nicht gegen den Herd schauen – das bringt Unglück. Schlürfen beim Trinken und Suppe essen ist taktvoll, dann schmeckts! Und Alkohol schmeckt auch den Geistern.




Jurtenidylle. Traditionelle Jurten sind funktionale Wunderwerke, wandernde „Wohnungen“. Ein Gerüst, Planen aus Leinen und Filz, innere Holzsäulen, ein Türrahmen samt Tür und natürlich eine Dachaussparung für den Ofen – fertig ist die mongolische Nomadenbehausung. In zwei Stunden ist eine Jurte mit vier bis fünf Meter Durchmesser auch abgebaut, um weiterzuziehen. Im „mobilen Hotel“ ist alles untergebracht, vom Bett bis zum Herd, von der Kommode für Bilder und Götter bis zur Waschgelegenheit. Touristen müssen heute nicht wie die Reiterhorden von Dschingis in den Zelten hausen, moderne Camps haben neben Zwei-Personen-Jurten mit Betten ein eigenes Ger-Restaurant sowie ein Dusch- und Toilettenhaus nebenan (mit Wasserspülung). Übrigens: 2013 wurde die traditionelle Baukunst des Gers in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.
Weltkulturerbe und das Nadaam-Fest. 140 Jahre blühte die Stadt Karakorum als Weltstadt im Mittelalter. Im 13. Jahrhundert vom berühmten Eroberer Dschingis Khan zu einem Versorgungslager ausgebaut, baute es sein Nachfolger Ögödei zur Hauptstadt des Reiches aus. Handwerker aus aller Welt wurden für den Ausbau hierher verschleppt. Doch Kublai Khan verlegte die Hauptstadt nach Peking, damit gings bergab. Wir spazieren durch die UNESCO-Stätte, besuchen Kloster und Museum, haben vom Aussichtsberg einen 360-Grad-Rundumblick – und freuen uns auf das Naadam-Fest. Abertausende Besucher kommen hierher, um das landesweit gefeierte Fest mit Ringen, Pferderennen, Armbrust- und Bogenschießen zu zelebrieren. Bis weit in die Vergangenheit lässt sich das Kräftemessen zurückverfolgen, es war immer Spiel und Wehrertüchtigung zugleich.
Das grüne Paradies. Das Orkhan Valley ist ein Tal wie im Bilderbuch – mit Flüssen, Seen, Wäldern und saftigem Grasland. Rauch steigt aus den bewirtschafteten Jurten auf. Pferde, Schafe, Ziegen, Rinder und Yaks sind hier ständige Reisebegleiter. Es ist ein Geschenk, hier zwei Nächte verbringen zu dürfen. Zeit zu haben für die Wanderung zum Orkhan-Wasserfall und für einen Ausritt. Dankbar machen die Chauffeure bei der Anfahrt auch Stopp bei einem Owoo. Das sind aufgeschichtete Steinhaufen mit bunten Gebetsfahnen, zumeist an Weggabelungen oder auf Passübergängen gelegen. Dort huldigt man lokalen Geistern und Göttern.
Wir haben allen Grund dankbar zu sein für diese Reise. Ein Tourist legt drei Steine auf den Owoo und darf sich dann etwas wünschen. Er bleibt genügsam und wünscht sich nur eine kühle Flasche Gobi-Bier in der Ger-Unterkunft! Murun scheut abends keine technischen Mühen, um per Computerbild das Naadam Ringerfinale live ins Zelt zu bringen. Im Nationalstadion zu UB gewinnt zum dritten Male der „Titan“ gegen den „Löwen“. Und bekommt als „Held der Nation“ als Siegespreis eine Vier-Zimmer-Wohnung in UB und von seiner Heimatstadt einen Lexus 600, Baujahr 2024 (Wert hier gut 100.000 Euro).
Dinosaurier und singende Dünen. Fast noch spektakulärer sind tags darauf die roten Felsen von Bajandsag, auch als „Flaming Mountains“ bekannt. Der US-„Dinosaurierjäger“ Roy Andrews machte die Gegend durch seine Expedition in den 20er-Jahren weltberühmt. Er und seine Mannschaft spürten hier sogar Eier der Urzeitriesen auf. Auf wüsten Wellblechpisten geht es weiter südwärts in die sagenhafte Wüste Gobi. „Mongolian massage“ ist also garantiert. Die Belohnung folgt auf der nächsten Passhöhe. Am Horizont leuchten die fast 200 Kilometer langen, goldgelben Dünen von Khongoryn Els. Murun findet eine gangbare Route auf die bis zu 300 Meter hohen Sandberge. Oben am Dünenkamm sind alle Mühen vergessen. Der Blick auf das Sandmeer ist grandios. Innehalten, hinsetzen und einfach staunen!
Wilder Westen in der Mongolei. Zurück in der Hauptstadt genießen wir nochmals die Aura des buddhistischen Gandan-Klosters, sitzen bei einem typischen mongolischen Hot-Pot-Abendessen zusammen (Feuertopf, Fonduestyle). Und lauschen unserem Guide, der von einer baldigen Trekkingreise in den „Wilden Westen der Mongolei“ in den Altaibergen erzählt. Mit Zeltleben, wilden Tieren und schneebedeckten Bergen im Land der Adler. „Bayartay – auf Wiedersehen“, lächelt er. Vielleicht gibt’s ja ein Wiedersehen in den Altaibergen.

Tipps für die Mongolei
Reiseinfrastruktur: Riesige Distanzen, wenig Asphaltstraßen – viele Pisten (Orientierung!); außerhalb der Hauptstadt Ulan Bator nur bedingt gute Infrastruktur; oft auf Stadtnähe beschränktes Mobilfunknetz.
Feste: Das landesweite Reiter- und Ringerfest Naadam findet vom 11. bis 13. Juli statt (im September traditionelle Adlerfeste).
Musik: Mongolian National Folk and Dance Ensemble o. Ä. in Ulan Bator besuchen – u. a. Kehlkopfgesang.
Einkaufen/Shopping: Kaschmirwollprodukte; großartige Qualität; ein Drittel der Weltproduktion stammt aus der Mongolei. gobicashmere.com
Wanderliteratur: Christian Hlade, Das große Buch vom Wandern. Alle Tipps & Tricks. Braumüller Verlag

