Der beste Beweis dafür, dass Naturwein weder besonders funky noch orange sein muss, ist eine Verkostung steirischer Natural-Wine-Großmeister.
Von Tina Veit-Fuchs, Fotos: Jimmy Lunghammer

Naturweine und vor allem ihre Produzenten haben die Weinwelt nachhaltig verändert. Unangepasst, kompromisslos und mit hoher Sensibilität für die Natur, deren Gaben und Launen. Durch das Engagement von Weinbauern wie Karl Schnabel, Hartmut Aubell, Rainer Hack, Josef Krenn, Newcomerin Sonja Weissenecker und Shootingstar Elias Muster ist biologischer Weinanbau in der konventionell geprägten Branche kompatibel geworden. „Giftfrei arbeiten“ nennt es Schnabel.

Wünschenswert, dass das keine Nische, sondern gelebter Usus im Weingarten wäre. Aber das steht auf einem anderen Blatt. Schnabel, der auf seinem Ermihof im südsteirischen Maierhof den Großteil seiner Weingärten mit Rotwein – Blaufränkisch, Zweigelt und Pinot noir – bestockt hat, ist ein Gladiator, wenn es um puritanische Naturweine ohne jegliche chemische und technische Manipulation geht. Man übt sich im Verzicht und will Weine so unberührt wie möglich in die Flasche bringen. „Denn mit jeder Behandlung – ob Filtration oder Pumpvorgang – verliert Wein etwas von seinem Ausdruck“, ist Hartmut „Harti“ Aubell vom Rebenhof überzeugt. Die Zusammenkunft zur VIA-Weinkost in der Grazer Weinhandlung Blue Sonja bei Gastgeberin Sonja Weissenecker hat ein wenig den Charakter eines Klassentreffens, bei dem unterschiedliche Jahrgänge – in Flaschen wie in persona – sympathisieren. Alteingesessene „Oberstufler“ wie Schnabel und die Demeter-Winzer Aubell und Hack sitzen Youngsters wie Josef Krenn und Elias Muster, Sohn von „Schmecke das Leben“-Winzergröße Sepp Muster, gegenüber. Dazwischen Weissenecker, die mit ihrem Partner Harald Gärtner am Demmerkogel im Sausal das einstige Weingut Kaarriegel von Frankowitsch-Betreiber Heissenberger bzw. Franz Hirschmugl übernommen hat und als bislang einzige Weinhändlerin in Graz seit 2022 ausschließlich mit Naturweinen handelt.

Ran ans Eingemachte
Genug des Vorgeplänkels, Zeit zu entkorken! Mit einem Gelben Muskateller Spätfüllung 2021 von Aubell sind wir direkt ganz nah am Thema ganztraubige Korbpressung. „Meine schonende Korbpressung bedingt eine frühere Oxidation. Der Saft wird klarer“, erklärt der Südsteirer. Mit elf Volumprozent und zurückhaltender Muskateller-Note definitiv ein Wein, den wir mögen. „Harti ist mein Mentor und das Sharing-Konzept in seiner Einkehr am Weingut war für unseren Betrieb ein Vorbild“, tönt Josef Krenn, der mit seiner Frau Babsi in Edelsbach bei Feldbach Bistro- und Winzertum pflegt. „Als konventionell aufgewachsener Buschenschank-Bub habe ich viel Lehrgeld auf meiner Reise zur Naturweinproduktion bezahlt. Nicht am Wein herumzudoktern und viel mehr in die Beobachtung zu gehen, muss man erst mal lernen“, offenbart er – seit 2019 biologisch arbeitend. Rasches Schulterklopfen der Kollegen: „Scheitern ist ein wichtiges Kapitel am Weg zu Naturwein“, so der Tenor.
Zwischen Einstieg und Advanced
Die weitere Einstimmung mit Sauvignon blanc 2021 aus der umweltfreundlichen 3-Liter-Bag-in-box und dem leichtfüßigen Burgunder SILT 2020 ist gelungen. Dass Aubell nunmehr auch Wein in pfandfreundliche Bierflaschen füllt, ruft im Sinne der Nachhaltigkeit bestenfalls viele Nachahmer auf den Plan. Krenn präsentiert mit seinem Sauvignon blanc 2022 einen gewinnenden, fruchtigen Einstiegswein für Naturwein-Interessierte. Der auf der Schale vergorene Aurora – ein Blend aus Souvignier gris und Welschriesling – ist noch wahnsinnig jung. Wir wittern Lagerpotenzial.

Weiter geht’s mit Rainer Hacks Sauvignon blanc 2021. Die Reben wurzeln im Schiefergestein und präsentieren das Sausal, die Heimat des Weinguts Warga-Hack, griffig und spritzig zugleich. Der reduktive Riesling Quarzit 2020 punktet mit Salzigkeit und wünschenswertem Feuerstein in der Nase. „Eine total unterschätzte Rebsorte, die dem Klimawandel trotzt“, attestiert Aubell. Hack legt übrigens auch am Weingut Kaarriegel Hand an und greift im Weingarten Sonja Weissenecker unter die Arme.
Aufstrebend und konstant
Stichwort Kaarriegel. Der Gemischte Satz 2023 würde uns als multipel einsetzbarer Speisebegleiter erfreuen. Weiß #1 2021 – ein Cuvée aus Grauburgunder und Muskateller – begeistert die ganze Runde. Ein Muntermacher zwischendurch: Cydre 2022 von Elias Muster – ein bewusst gerbstofflastiger Mix aus Welschbrunner und Bohnapfel mit dem Prädikat „witzig“. Der 22-jährige Muster, der sich derzeit noch auf einem geschenkten Hektar seines Vaters und im renovierten Keller seiner Großmutter ausprobiert, packt einen Rosé Opok 2021 aus. Ein Blend aus Blauer Wildbacher, Blaufränkisch, Zweigelt – kein Wunder, dass das Rotwein-Regent Schnabel mundet. Auch wir finden: ein runder Wein mit gutem Säurezugang und Biss.

Zwischen Jazz und Jimi Hendrix ortet Schnabel seinen Morillon 2021 und wird nicht müde zu betonen: „Wir alle sind Bauern und alles, was wir machen, ist vergorener Traubensaft in reinster Form.“ Er, der das Gras unter den Reben händisch mit der Sense mäht, ist in erster Linie der Blaufränkischtraube verfallen. „Die wenigsten wissen, dass das eine autochthone Rebsorte in der Steiermark ist.“ Jahrgang 2021 seines Flagschiffs hat er mitgebracht und kann nicht schließen ohne sein Lieblingszitat: „Im Wein liegt nicht die Wahrheit, im Einsatz von Schwefel liegt die Wahrheit.“
Willkommen in der Naturweinszene.
Location:
BLUE SONJA
Stubenberggasse 7
8010 Graz
Tel.: +43 699 197 617 05
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