Dass Siziliens Kultur ihre verwegenen Seiten hat, lässt sich nicht leugnen. Kulinarisch gesehen hat die Insel an der italienischen Stiefelspitze ihren Logenplatz ganz klar verdient.
„Denke ich an Neapel, ja gar nach Sizilien, so fällt es einem sowohl in der Erzählung als auch in Bildern auf, dass in diesen Paradiesen der Welt sich zugleich die vulkanische Hölle so gewaltsam auftut und seit Jahrtausenden die Wohnenden und Genießenden aufschreckt und irre macht.“ So beschreibt Johann Wolfgang von Goethe seine Eindrücke in „Italienische Reise“ im Jahr 1787. Seitdem ist einiges an Zeit vergangen. Der quirlige Süden Italiens, durch die päpstlichen Staaten vom restlichen Italien getrennt und auch als „Mezzogiorno“ bekannt, gilt jedoch immer noch als Brennpunkt des Stiefels – wirtschaftlich wenig entwickelt, mit geringen politischen Strukturen, stattdessen von einer kriminellen Unterwelt beherrscht.
Einige Teile des Mezzogiorno (italienisch für „Mittag“ – abgeleitet vom südlichen Sonnenstand um diese Tageszeit) haben in den letzten Jahren einen Aufschwung erlebt – nicht zuletzt dank des Tourismus. Dazu zählen vor allem die Küstenregionen sowie die Inseln, allen voran Sizilien. Zählte die Hauptstadt Palermo früher noch zu den gefährlichsten Städten der Welt, wandelte sich dieses Image spätestens, als sie 2018 zur Kulturhauptstadt erkoren wurde. Heute gilt Palermo nicht nur als sicherste Stadt Italiens, sondern auch als eine der schönsten.
„Ein Fisch muss drei Mal schwimmen: im Meer, im Öl und im Wein.“ – Italienisches Sprichwort

Das Hauptanbaugebiet für italienische Pistazien ist Bronte am Fuße des Ätna. Pasticcini morbidi al pistacchio – (traditionelle weiche Pistazienkekse) werden ohne Mehl gebacken. Sizilianer genehmigen sich dazu gerne einen Limoncello-Likör. © Rosario Scalia/Adobe Stock
Kultureller Schmelztiegel
Sizilien wird von drei Meeren umspült: dem Tyrrhenischen Meer im Westen, dem Ionischen Meer im Osten und dem Mittelmeer im Süden. Von Kalabrien auf dem italienischen Festland ist die Insel nur durch die schmale Straße von Messina getrennt. Zahlreiche Zivilisationen entdeckten und eroberten die Sonneninsel südwestlich der italienischen Stiefelspitze und hinterließen dabei ihre Spuren – von den Griechen über die Römer, die Normannen bis hin zu den Arabern.
Kein Wunder also, dass das Erbe der Insel einem bunten Potpourri aus Architektur, Kunst, Kulinarik und Geschichte gleichkommt. Neben den touristischen Trümpfen durch spektakuläre, unberührte Naturschauplätze und historische Städte, die von früheren Fremdherrschaften zeugen – darunter Syrakus, Taormina und Catania –, zehrt Sizilien von der Landwirtschaft.
Auch wenn der Ätna, ältester und aktivster Vulkan Europas, immer wieder die Gemüter erhitzt – durch seine Lava sorgt er für enorm fruchtbaren Boden, auf dem unter anderem Feigen-, Mandel- und Pistazienbäume sowie Artischocken gedeihen, im Herbst Pilze und Maroni.
Dazu kommen in den letzten Jahren stets steigende Temperaturen, durch die der Anbau von exotischen Früchten mittlerweile Standard ist – und ständig kommen neue Sorten dazu. Steckenpferd sind jedoch nach wie vor Zitronen, die vor 1.000 Jahren von den Arabern auf die Insel gebracht wurden. Mittlerweile sind 90 Prozent der Zitronenproduktion in sizilianischer Hand.
Aus dem Meer auf den Teller
Als eine der unverzichtbaren Säulen der sizilianischen Wirtschaft gilt auch die Fischerei – allein die Fischzucht der Insel macht rund ein Viertel der italienischen Gesamtproduktion aus. Wer Fisch und Meeresfrüchte liebt, wird hier nicht enttäuscht. Hoch im Kurs stehen vor allem Thun- und Schwertfisch: Die Jagd nach dem blauen Thunfisch, die „Mattanza“, wird hauptsächlich in der Region um Trapani betrieben und geht auf eine jahrhundertealte, angeblich arabische Technik zurück. In der Straße von Messina wiederum laufen Fischer mit Booten aus, die über hohe Aussichtstürme und lange Bugbrücken verfügen, von wo aus sie Harpunen auf riesige Schwertfische schleudern.
Abseits der Küste
Während die Kulinarik der insgesamt 1.152 Kilometer langen Küste Siziliens von Fisch und Meeresfrüchten geprägt ist, steht im Inselinneren und in den Bergregionen traditionell mehr Fleisch auf dem Speiseplan. Auf den Tisch kommen hier am häufigsten Lamm, Schwein, Pferd oder Wildkaninchen. Neben Pasta und Reis wird dazu gerne Couscous gegessen – wodurch einmal mehr der frühere arabische Einfluss deutlich wird. Um typisch sizilianische Fleischgerichte zu probieren, muss man jedoch nicht ins Landesinnere – man findet sie genauso auf den großen Märkten (etwa in Catania), die sämtliche Spezialitäten des Landes, ob aus dem Meer, vom Feld oder aus den Bergen, darbieten.
Hier sollte man allerdings auf etwas gefasst sein: Die „From nose to tail“-Verwertung von Tieren ist in Sizilien selbstverständlich – dementsprechend findet man an den Ständen auch sämtliche Innereien von der Kuttel bis zur Aorta. Wem das zu viel ist, der findet vielleicht an der süßen Seite Siziliens mehr Gefallen: Die Kombination aus traditionellen Pistazien- und Mandelkeksen, begleitet von hausgemachtem Limoncello, bilden die Essenz des süditalienischen Dolce Vita.
Von Anja Fuchs
Beitragsbild: Viliam/Adobe Stock
Wer für die italienische Renaissancestadt Florenz entflammt, muss nicht Dante gelesen haben. Ein Blick vom Piazzale Michelangelo aus genügt.

Die goldene Mosaik-Decke im Inneren der Kuppel gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe. (Foto: Stefano Cellai/ Shutterstock)
Vorweg: Wir kommen wieder hierher – genau genommen immer wieder gerne! In Florenz lustwandeln alle, die mit den Augen genießen, mitten in der Kunst. Beim Anblick der prächtigen Marmorfassaden in Weiß und Grün springt der erste Funke über, die eleganten Palazzi entfachen lustige Flämmchen in uns und spätestens in den Uffizien, im Boboli-Garten oder auf dem Michelangelo-Platz (wir können uns nicht entscheiden) lodert diese mächtige Flamme, von der der berühmte Florentiner Dichter Dante Alighieri schrieb, bereits lichterloh in unseren Herzen.
„Eine mächtige Flamme entsteht aus einem winzigen Funken.“ (Dante Alighieri)
Die Toskanastadt ist wie geschaffen für (Kunst-)Genussreisende, deshalb raten wir dringend dazu, Zeit mitzubringen: für die Anreise, aber auch für einen ausgedehnten Aufenthalt, der diese Schatzkiste der Toskana gebührend würdigt. Wer sich mit dem Auto wie wir Zeit lassen kann, hat die Möglichkeit, die etwa siebenstündige Fahrt aufzuteilen und beim Zwischenstopp in Venedig oder auch an der Proseccostraße bei Valdobbiadene Energie zu tanken. Ebenfalls bewährt hat sich in unserer VIA-Redaktion die Ankunft zum Frühstück am Bahnhof Santa Maria Novella. Der erste Blick nach einer gemütlichen und umweltfreundlichen Übernachtung im Nightjet fällt dann auf die gleichnamige Dominikanerkirche, die Gotik (Innenraum) und Renaissance (Fassade) vereint. Nur einen kurzen Spaziergang entfernt kann man bereits entspannt am Ufer des Arno Steine hüpfen lassen oder auch staunend vor dem Dom Santa Maria del Fiore und der Taufkirche, dem Baptisterium, stehen. Je nachdem, wie aufnahmefähig man bereits ist. Dass in Florenz praktisch alle Schönheiten zu Fuß zu erreichen sind, begeistert alle, die mit Herzerl in den Augen, erhobenem Kopf und staunend mit geöffnetem Mund verliebt durch die Stadt stolpern – verliebt in Florenz, denn steht man vor einem Kunstwerk und biegt um eine Ecke, wartet bereits die nächste kunstvolle Sensation. In atemberaubender Dichte sind vor allem die Renaissancebauten in der City zu erleben und wer hier den Kopf nicht von seinem Handy hebt, verschickt wohl gerade jede Menge Fotos seiner prachtvollen Eindrücke inklusive Emojis mit Herzerlaugen an die Daheimgebliebenen.

Michelangelos David in der Galleriadell’ Accademia in Florenz – nur für mich allein: Fotos dieser Art sind selten und nur zu Covidzeiten möglich. (Foto: Kopeter)
Florenz, „die Blühende“, in dieser Zeit genießen zu dürfen, sehen wir als Privileg, denn normalerweise ist die Stadt rund ums Jahr außerordentlich gut besucht, um nicht zu sagen, überrannt – in Pandemiezeiten hat man sogar die Möglichkeit, in der Galleria dell’ Accademia allein voller Bewunderung Michelangelos 5,17 Meter hohen Krieger David zu umkreisen und ein exklusives Foto/Selfie zu erhaschen. Denn nur in der Galleria haben wir es schließlich mit dem Original zu tun – die Skulpturen vor dem Palazzo Vecchio (wo die Marmorfigur ursprünglich stand) und auf dem Piazzale Michelangelo sind Kopien.
Also wagen wir es auch, zu früher Morgenstunde die Uffizien zu besuchen, für die man sich üblicherweise ebenso anstellen muss. Auf jeden Fall wollen wir auch die weltberühmte Venus von Sandro Botticelli sehen bzw. ihre Geburt aus der Muschel. Kein Geheimnis, dass man hier beeindruckende Stunden verbringen kann, gehören die Uffizien doch zu den bedeutendsten Museen der Welt.
Der Dom mit Campanile und Taufkirche, ein Ensemble, das für uns gleich um die Ecke des sehr gemütlichen Stadthotels günstig liegt, beeindruckt bereits durch die „bunten“ Fassaden aus weißem und grünem Marmor – allerdings sollte man es in voller Pracht auch innen genießen. Den Turm wegen der grandiosen Aussicht, die zwischen dem 4. und 8. Jahrhundert (!) gebaute Taufkirche wegen ihrer atemberaubenden Mosaike und vor allem die Domkuppel, weil sie eine architektonische Meisterleistung von Brunelleschi darstellt: Als Besucher erklimmt man die zweischalige Kuppel nämlich tatsächlich zwischen diesen beiden Schalen über eine relativ enge Treppe. Ein großartiger Aufstieg zu einem ebensolchen Ausblick.

Ein Wunder der Technik: 16 Jahre dauerte der Bau der Kuppel der Basilika Santa Maria del Fiore. Mit 45 Meter Durchmesser baute sie Filippo Brunelleschi im 15. Jahrhundert zweischalig, weshalb sie sich immer selbst trug (und trägt!). (Foto: Wallteri Paulaharju/ pixabay)
Man könnte noch stundenlang über die Kunst schwärmen, wären da nicht noch zwei weitere Argumente, die absolut für Florenz sprechen: die wunderbare Gastfreundschaft der eleganten Florentiner und die Küche, die sich wesentlich von all dem, was man so aus Oberitalien kennt, unterscheidet. In den Neunzigerjahren musste man in Florenz eine Pizza suchen, bis man einsah, dass es viele schmackhafte „Alternativen“ gibt – für Fleischfans ist diese Stadt traditionell ein Dorado, aber Florenz ist auch mit den gängigen Ernährungstrends gewachsen.
Wer von Bruschette, Bistecca alla fiorentina oder deftigen Eintöpfen inklusive Chianti und dem Dessert mit Mandelgebäck und Vin Santo gut satt ist, wirft sich wie wir auch gerne ins Modegetümmel. Dem eleganten Florentiner Style sei Dank kann man aus dem Vollen schöpfen: An der Riesenauswahl feiner Lederwaren gehen wir genauso wenig vorbei wie an den Boutiquen der ganz großen Modemarken. Für ein etwas günstigeres Shoppingerlebnis raten wir, die Marken-Outlets außerhalb von Florenz aufzusuchen, wo die großen italienischen Designer von Armani über Ferragamo und Gucci bis Valentino quasi ab Fabrik erhältlich sind.
Noch wertvollere Souvenirs findet man auf der „alten Brücke“ Ponte Vecchio, die – und hier sind wir wieder bei Stil und gutem Geschmack – die winzigen Geschäfte großartiger Goldschmiede aneinanderreiht. Wer bisher noch keine Herzerl in den Augen hatte, bekommt sie nun mit Sicherheit … Und weil so viel Schönheit süchtig macht, ist der nächste Besuch der ehrwürdigen „Blühenden“ bereits in Planung.
(Edith und Harald Kopeter, aufgezeichnet von Claudia Taucher)
Beitragsbild: Alex Mastro/Shutterstock
Unterwegs im grünen Herzen Italiens – zur Hauptsaison der Trüffelsuche zog es uns nach Umbrien, der Heimat des edlen Gewächses. Mitunter, um die Unwiderstehlichkeit von Pasta al tartufo zu erleben.
Wenn der Morgennebel die Zypressen, Oliven- und Pinienbäume umhüllt und die aufsteigende Sonne die Szenerie in ein geheimnisvolles Licht taucht, wird der Zauber Umbriens spürbar. Zwar muss Umbrien auf den direkten Zugang zum Meer verzichten, dafür beschert diese Tatsache der Region den Beinamen „das grüne Herz Italiens“. Umbrien wird nicht selten als neue Toskana gehandelt, bloß weniger überlaufen und durchaus günstiger.

Bianco oder Nero? In Umbrien kostet man sich bis zum Abwinken durch Trüffelspezialitäten. Authentische Küche ohne Trüffel und ohne Wildschwein ist hier kaum denkbar. Foto:Adobe Stock/ Eliane Haykal
Hier gedeihen weiße und schwarze Trüffel nebeneinander und bilden markante Anziehungspunkte für Feinschmecker. In der Hügelwelt Nordumbriens trifft man gut und gerne Trüffelsuchende auf zwei und vier Beinen. Kleiner Tipp: Die Pasta al tartufo schmeckt in der einfachsten Trattoria am besten. Im Dorf Sant’Anatolia di Narco residiert der nach eigenen Angaben größte Trüffelproduzent der Welt, Urbani Tartufi. Das Familienunternehmen besteht seit 1852 und versendet seine Spezialitäten mittlerweile weltweit – frisch, gefroren, konserviert – oder verwandelt sie in Produkte wie Pürees, Soßen und aromatisierte Öle.
Begeistert von der unberührten Natur der umbrischen Bergwelt wandern wir weiter auf den Spuren von Franz von Assisi. Assisi ist einer der beeindruckendsten Orte der Region und besonders mystisch wird es im Eremo delle Carceri, der ersten von Franziskus gegründeten Einsiedelei, die sich hoch oberhalb von Assisi in den Abhängen des Monte Subasio inmitten praller Vegetation versteckt. Von hier aus entdeckt man auch das eine oder andere grasende Schaf, das den essenziellen Rohstoff für Käsereien wie die von Walter Fachhini liefert. In Gruben lässt er einen der besten Pecorinos Italiens reifen.
Übrigens ist Umbrien die historische Wiege der Weihnachtstraditionen. „Als Begründer der Weihnachtskrippe gilt der heilige Franz von Assisi, der 1223 in Greccio – nördlich von Rom – anstelle einer Predigt mit lebenden Tieren und Menschen die Weihnachtsgeschichte der Heiligen Nacht darstellte“, erklärt Fremdenführerin Simona Fanelli. Diese Traditionen halten sich bis heute. Schauspielende Familien laden zu einer berührenden Zeitreise nach Bethlehem vor mehr als 2.000 Jahren ein. Das ist Weihnachten hautnah.
Umbrien punktet bei Wanderern und Ruhesuchenden durch viele abgeschiedene Flecken, aber natürlich kommt es nicht ohne das fröhliche Leben der Italiener in ihren authentischen Dörfern aus. Spello und Trevi etwa sind als die schönsten Dörfer Italiens zertifiziert. Malerisch sind beide, ohne Zweifel. Hier bummelt man durch mittelalterliches Ambiente und sucht sich für den nächsten Espresso in aller Ruhe einen Platz in der Sonne.
Nächtigungstipp für Verwöhnte: das Agriturismo Montali oder das Borgo della Marmotta. Beide Landgüter versprechen Annehmlichkeiten von Pool bis Sauna und einen wundervollen Weitblick, mitunter auf den Lago Trasimeno, den viertgrößten See Italiens. Familien werden sich im Pian Di Cascina, einem alten Bauernhof eine halbe Stunde von Gubbio entfernt, wohlfühlen. Die Betreiber sind selbst Eltern von drei Kindern und haben bei der Ausstattung an wirklich alles gedacht. Die beste Reisezeit? Das ganze Jahr über.
Im unglaublich grünen Frühling erwacht das Leben in Umbrien, im Sommer explodiert die Blütenpracht. Im Herbst symbolisieren Oliven- und Weinernte das wahre Leben und im Winter bleibt Umbrien gefühlt immer ein wenig grüner als der Rest der Welt. Sempreverde – immergrün.

Den Festungsbrunnen Sankt Patrick in Orvieto machen 70 eingebaute Fenster und zwei Wendeltreppen außergewöhnlich. Foto: Adobe Stock/Digitalsignal
Die pittoreske und autofreie Altstadt Orvietos mit ihren kleinen Gassen, entzückenden Cafés, Konditoreien, Restaurants und verträumten Geschäften ist mehr als einen Zwischenstopp wert. Der gigantische Dom ist auch als einer der „1000 Places To See Before You Die“ in dem bekannten Buch von Patricia Schultz gelistet. Eine Sehenswürdigkeit ist darüber hinaus der Festungsbrunnen Sankt Patrick mit einem Durchmesser von 13 Metern und 70 eingebauten Fenstern, die sich zu zwei Wendeltreppen hin öffnen. Das ermöglichte Lastentieren, in den Brunnen hinab- und wieder hinaufzusteigen. Tipp: Wein und Olivenöl aus eigener Produktion kosten und kaufen kann man etwa im Shop Bartolomei L’olio Orvieto.

Perugia ist autofrei und sehr vielfältig. Nach einem süßen „Baci Perugina” will man ohnehin nicht mehr weg. Foto: Adobe Stock/bbsferrari
Auch die Stadt Perugia hat architektonische Perlen zu bieten und nährt das reisende Bauchgefühl mit mit Nougat und Haselnüssen gefüllten „Baci Perugina“ (Küsse von Perugia). Rund 500 Millionen Stück des Kultkonfekts werden angeblich pro Jahr weltweit ausgeliefert. Das Erfolgsgeheimnis der „Küsse“ scheinen die beigelegten Zettelchen mit einer Botschaft zu sein. Der Giardino Caducci ist ein zauberhafter Ort, um den Tag in Perugia zu beginnen. Der Garten ist oben auf der Rocca Paolina angelegt, mit herrlichem Rundblick über das weite Valle d’Umbra. Ein Buch mitnehmen oder einfach nur Händchen halten! Spektakulär, wenn auch auf den ersten Blick total unscheinbar: die Rundkirche für den Erzengel Michael, Chiesa di San Michele Arcangelo oder kurz Sant’Angelo. Über 1500 Jahre steht sie schon hier und entfaltet ihren vollen Zauber erst beim Betreten des Innenraums: 16 antike Säulen, 16 antike Kapitelle, gemauerte Bögen und mystisches Licht.
Im Laufe dieser Reise wird klar: Man kann auch ohne Meer glücklich sein. Mitten in Umbrien.
TINA VEIT-FUCHS
Foto: Adobe Stock/ValerioMei
Fünf auf einen Streich: touristische Neuentdeckungen im Nordwesten der Toskana.
Wer eine Toskana-Reise plant, denkt dabei meist an altehrwürdige Städte wie Florenz, Pisa, Siena, Lucca und San Gimignano. Wenn es nach den Gemeindeverwaltungen in der sanften Hügellandschaft des Arnotals geht, wird sich dies bald ändern. Neben geschichtsträchtigen, aber touristisch überlaufenen Kunststätten sollen Toskana-Liebhaber künftig auch kleinere und bislang noch unbekannte Städte besuchen. Beispielsweise Santa Maria a Monte, Montopoli oder San Miniato. Der Turm dort biegt sich nicht zur Seite, sondern er ragt geradeaus in den Himmel. Der „Torre“ war im 13. Jahrhundert auf Anweisung des Stauferkönigs Friedrichs II. erbaut worden. Über der Stadt thronte eine gewaltige Burganlage, von der aus der Handels- und Pilgerweg zwischen Frankreich und Rom, die so genannte Via Francigena, und der Verbindungsweg zwischen Pisa und Florenz kontrolliert wurden. Der Turm Friedrichs II. wurde nicht nur als Wachturm genutzt, sondern auch als Kerker. Petrus da de Vinea, ein Minister und einflussreicher Kaiserberater, der in Ungnade gefallen war, weil ihn Friedrich II. verdächtigte, an einem Giftanschlag mitgewirkt zu haben, war hier interniert und wurde anschließend geblendet.
San Miniato eignet sich für geschichtsinteressierte Besucher gleichfalls wie für Liebhaber von Trüffelgerichten.
Geschichte und Geschmack
Stauferkönig Friedrich II. war nicht der einzige deutsche Kaiser, der die Höhenlage San Miniatos nutzte. Bereits im Jahr 962 ließ Kaiser Otto I. in San Miniato eine Burg errichten. Damals bekam die Stadt den Beinahmen „San Miniato al Tedesco“. 1178 hielt sich Barbarossa in der Burg auf, später folgten Heinrich IV. und Otto IV. Heute zieht der Ort, in dem auch der dreischiffige Dom, der im 18. Jahrhundert umgebaut wurde, und ein von Franz von Assisi persönlich gegründetes Franziskanerkloster einen Besuch lohnen, nicht nur geschichtsinteressierte Toskana-Urlauber an, sondern auch Liebhaber der Trüffel. Fast das ganze Jahr über machen sich die Tartufai, die Sammlerfamilien, die in der Hügellandschaft um San Miniato zu Hause sind, auf die Suche nach den schmackhaften Pilzen, die unter der Erde wachsen.
„Von September bis Dezember suchen wir die weißen Trüffel, in der Zeit von Januar bis April die braunen Frühlingstrüffel und von April bis September die schwarzen Sommertrüffel“, erklärt der 47-jährige Riccardo Nacci, der in eine Trüffelsucherfamilie eingeheiratet hat und inzwischen ein Delikatessengeschäft betreibt, in dem hauptsächlich Trüffelprodukte verkauft werden. Zwei Mal im Jahr dreht sich in San Miniato fast alles um die Trüffel: Beim Trüffel- und Pilzfest im Oktober und an den drei letzten Wochenenden im Monat November, wenn die Messe der weißen Trüffel zelebriert wird.
Tosca, die Bratkartoffel

San Miniato war lange Zeit unter deutscher Herrschaft und der wichtigste Stützpunkt der römisch-deutschen Kaiser in der Toskana. Heute erinnert vor allem der Torre di Federico II, der Friedrichsturm, an die alten Zeiten. Er ist das einzige Überbleibsel einer ganzen Kaiserburg und wurde nach seiner Zerstörung durch deutsche Soldaten im Jahr 1944 erst im Jahr 1958 wieder aufgebaut. (Foto: Massimo Lenzo)
San Miniato ist nur einer von mehreren Orten im Nordwesten der Toskana, die von Touristen oft zu Unrecht übersehen werden. Eine weitere, noch weitgehend unentdeckte Perle ist die Kleinstadt Montopoli. Unübersehbar ist der Turm San Matteo aus dem Jahr 1431, gleich gegenüber dem Rathaus. Nicht weit davon entfernt findet sich im Palazzo Guicciardini ein liebevoll gestaltetes Heimatmuseum, das etruskische Gräberfunde und Keramikarbeiten aus der Region präsentiert.
Viele Kellergewölbe unterhalb der mittelalterlich geprägten Stadt finden sich auch in Santa Maria a Monte. Das ist sehr praktisch für die Bewohner des Städtchens, dessen Häuser drei Ringe bilden, so dass die Stadt von oben wie eine Schnecke aussieht. Die wichtigste regionale Spezialität in Santa Maria a Monte ist nicht der Trüffel oder das Olivenöl, sondern eine besondere Kartoffelsorte, die „Tosca“. Ihr zu Ehren wird alljährlich ein mehrtägiges Bratkartoffelfest (Sagra della Patata Fritta) veranstaltet. Ebenfalls sehenswert: die Johanneskirche („San Giovanni“) und die Casa Carducci, in der die Familie des Literaturnobelpreisträgers Giosuè Carducci einige Jahre lang lebte. Gleich daneben: Die Casa Galilei, in welcher der Musiktheoretiker Vincenzo Galilei, Vater des Naturwissenschaftlers Galileo Galilei, seine ersten Lebensjahre verbracht haben soll. „Galileo Galileis physikalische und astronomische Forschungen waren auch von der Arbeit seines Vaters beeinflusst, ein Beispiel ist die Bewegung des Pendels“, berichtet Fremdenführerin Elena Congestri. Ebenso wie Santa Croce sull’ Arno schmiegt sich auch Castelfranco di Sotto an das nördliche Ufer des Arno. „In unserer Region gab es ständig Kämpfe zwischen Lucca, Pisa, Florenz und Siena. Deshalb hat man die Bevölkerung von vier Dörfern, die im Kampfgebiet lagen, in einer Stadt zusammengezogen“, erklärt der Heimatforscher Gabriele Manfredini.
Florentinische Tradition
Um 1400 gewann Florenz die politische Macht, weshalb sowohl am Rathaus wie auch an der Sankt-Peter-und-Paul-Kirche ein aus Stein gemeißelter Florentiner Löwe angebracht ist – obgleich die Gemeinde inzwischen längst zum Bezirk Pisa gehört. Die Tradition der vier Dörfer, die in den quadratisch angelegten Ort umgesiedelt wurden, ist noch immer lebendig. Jeder der vier Stadtteile ist stolz auf seine Wurzeln und schmückt sich mit einer eigenen Fahne. Und einmal jährlich, beim Palio, einem mittelalterlichen Wettkampf, treten die einzelnen Stadtviertel noch heute zum Kräftemessen an. Eine Veranstaltung, die noch heute eher Volksfest ist als Touristenspektakel. Im Gegensatz zum Palio in Siena, der mit Pferden ausgefochten wird, treten die Bewohner Castelfrancos mit kleinen, mit Rädern versehenen Booten gegeneinander an.
RAINER HEUBECK
San Miniato
Anreise: Von Graz bis San Miniato sind knapp 700 Kilometer zurückzulegen. Ab Florenz empfiehlt sich die Autobahn Firenze–Pisa–Livorno (Ausfahrt „San Miniato”).
Auskunft: Italienische Zentrale für Tourismus ENIT. Die Agenzia per il Turismo di Pisa finden Sie im Internet unter www.turismo.pisa.it, Informationen über einzelne Städte im Valdarno finden sich beispielsweise unter www.montopoli.net und www.cittadisanminiato.it
Übernachtung: Am Rande von San Miniato können Sie stilvoll in einer Villa übernachten, die einst der Familie Bonaparte gehörte: Villa Contessa Marianna, Via San Pietro, San Miniato, Telefon und Fax +39 571 422 76, E-Mail.
Ein sensationelles Frühstück und ebenso tolle Trüffelgerichte gibt es bei Silvia im schönen toskanischen Hideaway Corniano Vacanze
Einkaufen: Trüffelprodukte, vom Trüffelgrappa bis zur Trüffelmarmelade, bietet Tartufi Nacci,
Via Zara, 110 –Loc. Corazzano, San Miniato, Tel. und Fax 0039 571 462 846, E-Mail.
Günstige Lederwaren werden im Fabrikverkauf bei Tuscan’s feilgeboten: Tuscan’s,
Via Corridoni 20 – 22, Ponte a Egola, Tel. +39 571 494 24, E-Mail.
Beitragsbild: (c) Massimo Lenzo
