Michael Lehofer ist ein Mensch der Zwischentöne, der profund erkennt und unverklärt hinter die Fassaden des Menschseins blickt. Als klinischer Psychologe und Psychiater zeichnet ihn die Fähigkeit aus, komplexe seelische Prozesse verständlich zu machen. Sein neues Buch dient als ein Spiegel unserer Zeit, die geprägt ist von Überforderung, Sehnsucht und der stillen Hoffnung, verstanden zu werden.
Von Tina Veit-Fuchs
Wovon haben wir zu wenig und wovon zu viel? Verstehen wir eigentlich, was aktuell in uns vorgeht, was uns zusammenhält und was uns auf lange Sicht zerreißt? Nicht nur in Zeiten mannigfaltiger Krisen braucht es für Brennendes auf der Seele einen entsprechenden Übersetzer, der auch mal weniger angenehme Fragen stellt. Michael Lehofer ist so einer. Der renommierte Grazer Psychiater thematisiert in seinem neuesten Buch „Zu viel von allem und zu wenig vom Richtigen“ eine Lebenshilfestellung für eine aktuell übersättigte und frustrierte Gesellschaft, die teilweise schlichtweg zu verwöhnt sei, um wirklich glücklich zu sein.
Dabei bleibt Lehofer nicht bei kulturkritischen Allgemeinplätzen stehen. Vielmehr seziert er präzise die Widersprüche einer Zeit, in der scheinbar alles verfügbar ist und doch so vieles fehlt. Es ist die Diskrepanz zwischen äußerem Überfluss und innerer Leere, die sich wie ein roter Faden durch seine Analyse auf 190 Buchseiten zieht. Wenn wir reflektiert in uns hineinhören, spüren wir, dass der Zugriff auf all die unzähligen Möglichkeiten, Entscheidungen und Reize im Außen nicht mehr nur mit Freiheit, sondern oft mit Überforderung und Orientierungslosigkeit verknüpft zu sein scheint. Manch einer von uns ersticke geradezu daran. „Der Mensch hat die Pflicht, sein Leben zum Blühen zu bringen“, adressiert Lehofer wohltuend radikal. Doch wie kann das gelingen? Und warum macht uns erst das „Wunder der Begegnung“ wirklich lebendig?
Michael Lehofer beschreibt eine Gesellschaft, die verlernt habe, mit Mangel umzugehen – und damit auch, Wert(e) zu schätzen. Glück werde zunehmend als dauerhafter Zustand missverstanden, als etwas, das jederzeit abrufbar sein müsse. Bleibt dieses Gefühl aus, wachse schnell Frustration. Die Folge: ein ständiges Hinterfragen des eigenen Lebens, ein Vergleichen mit anderen, ein diffuses Gefühl, dass „etwas nicht stimmt“, ohne genau benennen zu können, was eigentlich fehlt. Doch was, wenn hinter all den Rollen, Ansprüchen und Gewohnheiten ein viel größeres Selbst wartet und das, was uns tatsächlich im Leben nährt, längst in uns bereitliegt?
Schutzpanzer ablegen
Innezuhalten, was wir eigentlich wirklich brauchen, und gleichzeitig mutig weiterzugehen, ist eine der Kernbotschaften in Lehofers Buch und gleichzeitig rät er dazu, das Eigentliche wiederzufinden: Begegnung, Lebendigkeit und ja, die Liebe (zu uns und anderen). „Man muss sich den Rufen des Lebens schon stellen und nicht versuchen, irgendwelche Selbstverwirklichungschecklisten abzuhaken. Wir sollten uns vom Leben ins Leben hineinziehen lassen“, so der Psychotherapeut, dessen Gedanken an Gewicht gewinnen, weil sie ohne Moralisierung auskommen. Er schreibt aus der Perspektive eines Arztes, der täglich mit den Auswirkungen gesellschaftlicher Entwicklungen konfrontiert ist – mit Menschen, die funktionieren, aber sich selbst kaum noch spüren.
„Das Leben ist Entwicklung und entwickeln heißt, sich selbst ins Eigentliche auszuwickeln. Entwicklung kann nicht stattfinden, wenn sich kein Auswickeln vollzieht, sondern eine Schicht auf die andere kommt, bis man so eingewickelt ist, als müsste man in einer eiskalten Winternacht vor die Türe gehen“, thematisiert der Experte individuelle Schutzpanzer, die uns „bloß unempfindlich gegenüber den Entwicklungsherausforderungen des Lebens machen“. Für Lehofer ist eines sonnenklar: „Entwicklung ist das einzige Zeichen der Lebendigkeit, das es gibt.“ Und um uns selbst entwickeln zu können, müssten wir in Ruhe gelassen werden und „nicht immer irgendwer sein müssen“.
Masken fallen lassen und die vor allem in sozialen Netzwerken omnipräsente Empörung, die Lehofer als „Kind der Sorge“ bezeichnet, zügeln – bestenfalls gar fallen lassen. „In Wahrheit ist es klug, sich die eigenen Empörungen nicht gefallen zu lassen. Denn Empörung ist die feindliche Übernahme des Menschen durch sein eigenes Ego“, konstatiert Lehofer und geht noch einen Schritt weiter: „Empörung ist die Grundlage für jede Diktatur, sie gibt ihr eine Stimme.“ Denn ein empörter Mensch sei immer auch ein Mensch, der seine eigene Machtlosigkeit spüre. Ein nährender Boden für Manipulation.
Lebensspender Begegnung
Mit Gelassenheit an die Herausforderungen der Welt heranzugehen, sei die einzige Möglichkeit, von der Vielfalt der Welt zu profitieren. Zentral ist für Lehofer dabei die Idee der echten Begegnung – nicht als flüchtiger Kontakt, sondern mit einem tiefgehenden Gegenüber, das Resonanz erzeugt. In einer Zeit, in der Kommunikation oft auf Schnelligkeit und Oberfläche reduziert sei, gehe genau das verloren: das aufmerksame Zuhören, das Aushalten von Stille, das ehrliche Interesse am anderen.
Begegnung bedeute für ihn, sich selbst für einen Moment zurückzunehmen und dem Gegenüber ohne Wertung, ohne Zweckorientierung Raum zu geben. So entstehe etwas, das über den eigentlichen Austausch hinausgeht: Vertrauen, Verbundenheit, vielleicht sogar ein Gefühl von Sinn. Was nach einem romantischen Ideal anmutet, ist schlichtweg psychische Notwendigkeit. „Denn ohne Resonanz gibt es keine Lebendigkeit. Begegnungen bleiben lebenslang ein kreativer Impuls und ein Lebensspender“, beschwört der Psychiater.
Am Ende bleibt die Erkenntnis: Reflexion ist der Schlüssel. Was tut mir gut und was vielleicht nicht, obwohl es jederzeit verfügbar wäre? Vielleicht liegt grundlegend das Problem ohnehin nicht darin, dass wir zu wenig haben. Sondern darin, dass wir zu selten fragen, was wirklich zählt.
Lesetipp: Michael Lehofer: „Zu viel von allem und zu wenig vom Richtigen“, erschienen im Kneipp-Verlag. styriabooks.at


