Stefanie Hollers Kunst ist fokussiert, unfassbar detailgetreu und realistisch und sie zieht uns manchmal in eine geheimnisvolle Welt mit Patina. Es lohnt sich, Verborgenes zu heben.
Von Claudia Taucher
Der gewisse Wow-Effekt, den die Kunst von Stefanie Holler mitbringt, hat absolut nichts Plakatives, Lautes an sich. Es ist vielmehr so wie das Entdecken von Uromas Dachboden, auf dem eine riesige, staubige Kiste steht. Man nähert sich neugierig und angespannt, hebt vorsichtig den leise knarrenden Deckel und … da ist sie, diese verborgene, faszinierende Welt, die auf Entdeckung wartet.
Rückzug und Reflexion

Sich auf Stefanie Hollers Kunst einzulassen, gleicht einem stillen Rückzug – wie in einer Meditation –, der vieles freizulegen vermag. Vornehmlich Themen, die die junge Künstlerin beschäftigen und die sich aus dem Alltag ergeben: „Ich grüble die ganze Zeit“, offenbart Stefanie Holler, die das, was uns umgibt, ständig hinterfragt und reflektiert. „Man geht mit offenen Augen durchs Leben und es fällt etwas auf“, schildert sie ihre Inspirationen – daraus schälen sich relevante Anliegen, die sie akribisch künstlerisch umsetzt. Derzeit meist in Form von fotografisch detailgetreuen Kohlezeichnungen, die ihr bisheriges Werk dominieren. Immerhin hat die gebürtige Grazerin, die in der Südsteiermark aufgewachsen ist, auch das Fach freie Grafik und Druckgrafik an der Universität für angewandte Kunst in Wien studiert.
Alltagsgegenstände

„Wenn es das Thema erfordert“, so Holler, werde eine Installation mit Bewegung daraus, wenn es gelte, noch mehr Bewegung in eine Darstellung zu bringen, sei der finale Schlussstrich oft auch ein Video. Erst wenn dieser gesetzt ist, kann die Künstlerin das Thema ad acta legen. Meistens jedenfalls. Manchmal bleibt eine Serie auch offen, wie zum Beispiel die neueste, „nostalgia and decay“ von 2023: Alltagsgegenstände wie eine alte Schreibmaschine oder ein zerschlissener Fauteuil werden hier in ihrer stillen Morbidität schwarz-weiß, detailgetreu, realistisch und mit einem dadurch liebevoll anmutenden Blick festgehalten. Am Anfang einer solchen Kohlezeichnung steht immer ein Foto, das für Stefanie
Holler ein Werkzeug für das geplante Kunstwerk darstellt. Dieses Foto projiziert sie auf die Leinwand und so zeichnet sie die Grafik mit nur kleinen Veränderungen. In dieser Weise entstand auch die Serie „reversed realities“: Die Abbildungen von Rückenansichten anonymer Kinder und Erwachsener entstanden in der Coronazeit und sind ein intensiver Ausdruck der sozialen Isolation in dieser Zeit.
Farbe ist Zierde

Mit Zierrat hält sich die Künstlerin nicht lange auf. Farbe zum Beispiel: „Farbe spielt für mich nur eine Schmuckrolle“, erklärt sie. Die wird nur angewendet, „wenn ein inhaltlicher Grund vorhanden ist“, was aus ihrer Sicht selten vorkommt. Diese Ausnahmen, die die Regel bestätigen, sind etwa das Werk „All porn?“ (siehe rechts), das die eindeutige Signalwirkung der Farbe Rot nützt, sowie die besonders eindringliche Installation „Man nennt es Gier“ (siehe Beitragsbild oben), die 2021 in der U-Bahn-Station Karlsplatz ausgestellt war: Langsam und beständig rollt die mittige, größte Spule die roten Fäden von den umgebenden, kleinen Spulen auf, „frisst“ ihnen alles weg und steht am Ende als einzige fett und rot im Zentrum, während die anderen Spulen fadenlos ärmlich zurückbleiben. Der Interpretationsspielraum ist so eindeutig
wie weit: von einer destruktiven Beziehung bis hin zum ausbeuterischen wirtschaftlichen System. Die Betroffenheit, die dieses schlichte Symbolbild auslöst, schlägt beim Betrachter ein. Das Vorgängerwerk, aus dem diese Installation hervorging, war das Video „La vie en rose“, in dem man beobachtet, wie eine kleine Garnspule einer zweiten sämtlichen (roten) Faden abwickelt und damit raubt.
Ein Haus, das atmet

Preisgekrönt ist Stefanie Hollers Installation ORT-ATEM aus dem Jahr 2021: Hier gestaltete sie ein Röhrensystem mit Ballons, das im Dachboden des Stieglerhauses in Sankt Stefan ob Stainz aufgebaut und perfekt an das Haus angepasst war. Holler: „Das Thema war Luft und die Installation stellt eine mechanische Lunge dar; das Haus ist damit ein eigener Organismus, der atmet.“ Die Ballons werden dabei in einem bestimmten Rhythmus mit Luft aufgeblasen und leeren sich wieder. Zu den faszinierenden und hintergründigen Kohlezeichnungen, bewegten Installationen und Videos reihen sich Stefanie Hollers Druckgrafiken. Kupferdrucke oder auch Holzschnitte gehören außerdem zu ihrem technischen Repertoire – allen gemeinsam sind die schwarz-weißen Darstellungen aus dem Alltag wie Müllsäcke, Bürsten, Sieb, Autospiegel oder Regenschirm.
Die höchst aufwendigen Zeichnungen, die Stefanie Holler von Hörkrimis begleitet herstellt, stoppen im stundenlangen fokussierten Arbeitsprozess ihr Grübeln. Holler: „Das ist dann die produktivste Zeit!“
Stefanie Holler

Geb. 1988 in Graz, wohnhaft in der Südsteiermark.
2006–08: Translationswissenschaften (Englisch und Chinesisch) in Wien
2008–13: Universität für angewandte Kunst, Wien. Meisterklasse Jan Svenungsson
Einzelausstellungen in Deutschland, Belgien, Graz, Wien, Niederösterreich
Ausstellungsbeteiligungen in den USA, China, Deutschland, Schweiz, Polen, Türkei
Sammlungen
Albertina Graphic Arts Collection, Cserni Collection, Sammlung Lenikus, bm:ukk Sammlung MUSA u. v. m.
stefanieholler.com
Beitragsbild: Holler

