Mit dem Schiff in eine Welt ohne Flughäfen, Straßen und Schienenstränge – eine Reise
zu den Quellflüssen des Amazonas.
Text und Fotos: Sabine und Sepp Puchinger
Vor dem Schiff tummelt sich eine Gruppe rosafarbiger Delfine, springt, tanzt im Wasser, schlägt Pirouetten. Am Flussufer gibt die Vogelwelt ein eindrucksvolles Morgenkonzert, unterbrochen von den Schreien der Brüllaffen im Dschungel. Nur das Faultier hängt träge in den Ästen. Schließlich schiebt sich die Sonne über die Baumwipfel und verzaubert den Rio Maranon in ein goldenes Band. Schauplatz dieses morgendlichen Dschungelorchesters ist das Naturschutzgebiet Pacaya-Samiria im peruanischen Amazonien, eine der artenreichsten Regionen unserer Erde. Eine kleine Gästeschar ist hier am Flussufer auf Morgensafari. In Sichtweite ist die Aqua Nera, ein feines Boutique-Flusskreuzfahrtschiff, das hier die Quellflüsse befährt. „Ihr werdet in den nächsten Tagen die grüne Lunge unserer Welt erkunden“, hatte Guide Alex die Gäste mit einem Lächeln auf das Abenteuer Amazonas eingeschworen. Er muss es wissen. Selbst aus einem abgeschiedenen Amazonasdorf stammend, ist er in der Wildnis als Jäger und Sammler aufgewachsen.
Wunderwelt Regenwald

Über sechs Millionen Quadratkilometer bedeckt der Amazonasdschungel in neun Ländern Südamerikas. Etwa 60 Prozent der Tropenwälder befinden sich in Brasilien. Der tropische Regenwald weist eine unglaubliche Biodiversität auf, die durch Abholzung und Raubbau gefährdet ist. Deshalb werden riesige Gebiete geschützt, um sie für die Welt zu erhalten und weiter an Fauna und Flora zu forschen. Diese Tour führt zu den peruanischen Quellflüssen Maranon und Ucayali in das Naturschutzgebiet Pacaya-Samiria, wo über 500 Vogel-, 130 Säugetier- und 150 Reptilien- und Amphibienarten bislang erforscht und registriert sind. Temperaturextreme mit tropischem Klima sind allgegenwärtig. Die Luftfeuchtigkeit beträgt über 90 Prozent. Regenwald, indigene Völker und wilde Tiere locken also zu einer Entdeckungsreise – am besten mit dem Expeditionsschiff.
Dschungelcity am Amazonas
Iquitos ist der quirlige Ausgangspunkt jeder Reise ins peruanische Amazonien. Die fast 500.000 Einwohner zählende Urwaldmetropole ist nur per Flugzeug oder Schiff erreichbar. Groß und reich wurden die Stadt und einige „Kautschukbarone“ durch den Kautschukboom, ehe die Pflanze nach Asien geschmuggelt wurde und Iquitos im Sinkflug war. Lange musste die Region ausharren, ehe Erdöl und Tourismus für neue wirtschaftliche Blüten sorgten. Heute herrscht hier „moderner Wildwestcharakter“. Tausende Tuk-Tuks, die klassischen dreirädrigen Mototaxis, rattern durch die Stadt. Sie transportieren von Bambusstangen über Menschen bis zu Kühlschränken alles. Herz der Stadt ist der Hafen mit seinen Märkten. Abertausende Kilo Bananenstauden und viele andere Produkte werden im Morgengrauen mit Langbooten angeliefert, an den Grillständen sind gegrillte Piranhas und Schildkröteneier genauso wie gebratene Schlangen eine Delikatesse. Willkommen in Amazonien! Es dampft und brodelt, die Sonne sticht gnadenlos, die Menschen sind relaxt. „Wir leben am Ende der Welt, das entspannt“, meint Guide Alex. Koloniales Herz von Iquitos ist die Plaza mit einem gepflegten Park, Kautschukvillen, der Kathedrale – und dem Eisenhaus. Das hatte sich ein steinreicher Baron als Konstruktion vom berühmten Gustave Eiffel aus Europa anliefern lassen. Heute dient der extravagante Bau als Restaurant und Filmkulisse.

Zwei abwechslungsreiche Fahrstunden sind es von Iquitos stromauf nach Nauta, dort endet die Dschungelroad. Mit dem Dinghi (Beiboot) geht’s über den Rio Maranon zum dort ankernden Schiff.
San Martin heißt das kleine Dorf, das die Gringos heute besuchen. Die Menschen leben von Landwirtschaft und Fischfang. In mühevoller Arbeit wird Boden urbar gemacht, bewirtschaftet – und nach einigen Jahren zieht man weiter. Wir besuchen ein Pfahlhaus, schauen in der Küche in den brodelnden Fischtopf, kaufen im Shop Bananen, lauschen der örtlichen Schamanin und besuchen die Bar. Sogar einen Fußballplatz gibt es. Alles da also, nur keine Straße zur Zivilisation. Das erledigen die Boote auf dem Rio Maranon. Normalerweise leben die Menschen hier entschleunigt, nur heute ist viel Speed beim Arbeiten zu sehen. Der Grund: Bier! In der Nacht ist ein Transportschiff auf Grund gelaufen und gekentert. Um sein Schiff zu retten, hat der Besitzer die Ladung – Hunderte Bierkisten mit bestem Pilsener und Corona – zur Gratis-Entnahme freigegeben. Und so tuckern die Boote unentwegt zum Frachter, bringen die nächste 20-Kisten-Ladung ins Dorf. Für die Fiesta ist jedenfalls vorgesorgt.
Küche und Chillen
Zurück an Bord gibt’s eine „cooking class“-Vorführung, die die peruanische Küche und Vielfalt an Nahrungsmitteln aus Amazonien präsentiert. Gemeinsam mit einem Spitzenkoch aus Lima legt man Wert auf Gaumenfreunden. Die Köche zaubern Fischgerichte mit Paiche und Piranhas, verwenden raffiniert lokale Produkte wie Maniok und Kochbananen und haben eine eigene Würzküche aus der Pflanzenwelt Amazoniens kreiert. Das Küchenteam startet mit dem Zubereiten des peruanischen Klassikers Ceviche (marinierter Fisch mit Zwiebeln, Gemüse etc.), das lokale Zaubergewürz Charapita ist immer dabei. Und beim Shaken vom peruanischen Nationalcocktail Pisco dürfen wir selbst Hand anlegen. Nach dem Mittagessen lässt es sich an Deck fein chillen. Doch dunkle Wolken kündigen das nächste Tropengewitter an, die Schleusen öffnen sich mit „full speed“. Für eine halbe Stunde ist Weltuntergang angesagt, zehn Minuten später scheint wieder die Sonne.
Unterwegs im Dschungel
Ein ganztägiger Ausflug mit den Beibooten bringt die Gruppe tief hinein in den geschützten Regenwald. „Im schwarzen Wasser sind die pH-Werte perfekt fürs Baden und Kajakfahren, aber vorher suchen wir nach den gefährlichen drei“, grinst der einheimische Guide. Schlangen, Spinnen und Skorpione sind gemeint. Vorbei an riesigen Bäumen und über dicke Wurzeln geht’s vorwärts. Über uns turnen Affen durch die Baumwipfel, unter uns tanzt eine Ameisenarmada über den Weg. „Don’t touch anything along the way“ ist hier ein Grundsatz. Alex ist als Guide in seinem Element. Während die Gringos nur Grün sehen, hat er den Blick fürs Detail. Er fängt Käfer und erklärt, sieht eine Schlange und einen giftigen Frosch, spricht über wundersame Pilze und weiß vieles über die medizinische Wirkung vieler Pflanzen. Langsam werden damit die Mikrokosmen vom Amazonaswald verständlich. Nachmittags probieren sich einige am Einbaumfahren und Piranhafischen (erfolgreich), abends folgt die Suche nach den leuchtenden Kaimanaugen. Dazwischen erzählt Alex seine Lebensgeschichte: „Mein Dorf wurde von Forschern entdeckt. Ich selbst wurde bald danach in einem amerikanischen Expeditionsteam engagiert, um gemeinsam in über zehn Jahren den peruanischen Amazonas nach unbekannten Völkern und Tieren zu durchforschen, alles aufzuzeichnen und zu kartographieren. Das brachte so viel an Erfahrung, dass ich als Guide bei Aqua anheuern konnte.“
Der große Amazonas

Nach drei Expeditionstagen hat die Nera abgedreht und treibt am Maranon stromab. In den Uferzonen liegen die Dörfer und Felder. Der kilometerbreite Fluss ist die absolute Lebensader. Als schließlich vor Iquitos der mächtige Uyacalistrom einmündet, heißt der Strom ab jetzt bis zur Mündung Amazonas. Es sind riesige Wassermassen, die ihren Weg nach Brasilien nehmen.
Die wahren Dimensionen sind einen Tag später beim Rückflug nach Lima von weit oben sichtbar. Ein langes, glänzendes Flussband leuchtet aus dampfendem Immergrün, wird dann abrupt abgelöst von schneebedeckten Andengipfeln und wuchtigen Gletschern. Dort hat der Amazonas seinen Ursprung.

