Bei Bulgarien denken viele erst einmal nicht an Wintersport. Und doch kann die Balkanhalbinsel das erstaunlich gut – wie ein Einkehrschwung nach Bansko beweist.
Von Anja Fuchs
Wintersport ist in Österreich nicht einfach nur Tradition – er hat in unserer Gesellschaft einen festen Platz. Vor allem Skifahren galt in der Alpenrepublik lange Zeit als identitätsstiftend, vielerorts ist es immer noch so. Nicht umsonst zählen einige unserer heimischen Skigebiete zu den besten der Welt. Wem so viele renommierte Pistenkilometer zur Verfügung stehen, der braucht in Sachen Winterurlaub nichts anderes – so dachte ich zumindest lange Zeit. Einen Skiurlaub außerhalb unserer Alpen hatte ich nicht am Radar. Bis ein bulgarisches Bergdorf schließlich meinen wintersportlichen Horizont erweiterte.
Ein Mix zum Bleiben

Um es gleich klarzustellen: Bansko, der Ort, um den es sich handelt, taucht nicht in der Top-Ten-Liste der weltweit besten Skiresorts auf und ist weder besonders groß noch besonders populär. Aber: Der Vibe dieses 9.000-Einwohner-Ortes, die Art, wie bulgarische Tradition hier nahtlos mit Hipster-Kultur, modernen Annehmlichkeiten und jeder Menge Schnee verschmilzt, ist charmant und unglaublich entspannt zugleich. Vielleicht liegt es an der bulgarischen Gastfreundschaft, vielleicht daran, dass die Uhren hier im südlichen Balkan, nahe der griechischen Grenze, noch eine Spur langsamer ticken – oder aber an dem majestätischen Anblick, der sich bietet, wenn die Sonne morgens die schneebedeckten Gipfel des Pirin-Gebirges erleuchtet: An Bansko gewöhnt man sich jedenfalls äußerst schnell – und das im positiven Sinne.
Dieses Vom-ersten-Moment-an-Wohlfühlen ist (neben den geringen Lebenshaltungskosten und den ganzjährig vielseitigen Sportmöglichkeiten) vermutlich auch Grund dafür, dass das einst verschlafene Bergdorf in den letzten Jahren nicht nur touristisch von sich reden machte, sondern auch zum Hotspot für digitale Nomaden aus aller Welt avancierte. Die Dichte an Co-Working-Spaces vor Ort überrascht hier ebenso wie der Internet-Speed.
Eins, zwei, Abfahrt!
Apropos Speed: Die schwierigste Piste des Skigebiets – die schwarze Nr. 9 – ist dem ehemaligen Skistar Alberto Tomba gewidmet. Wem Bansko bis dato noch kein Begriff war, bei dem klingelt es vielleicht jetzt: FIS-Weltcuprennen werden hier nämlich regelmäßig ausgetragen. Und auch den Besitzer des Resorts kennen zumindest all jene, die anno dazumal gerne bei Skiwettkämpfen im TV mitgefiebert haben: Skilegende Marc Girardelli. Der Vorarlberger, der einst für Luxemburg startete, kaufte das Resort 2018 und trug wesentlich zu seiner Modernisierung bei. Mittlerweile lockt Bansko jedes Jahr rund 800.000 Erstbesucher an.
Und das aus mehreren Gründen: Schneesicher ist das Pirin-Gebirge grundsätzlich von Dezember bis April. Die auf einer Höhe von 990 bis 2.530 Metern gelegenen 75 Pistenkilometer bieten Abfahrten für jedes Level. Zu den 16 durchwegs modernen Liften zählen zwei Gondelbahnen, die Pisten sind stets top präpariert – und sollte Frau Holle doch einmal ausfallen, können 90 Prozent der Pisten künstlich beschneit werden. Wer Ausdauer hat, kann in Bansko eine der längsten Abfahrten der Welt in Angriff nehmen: Sie führt vom Gipfel der Todorka auf 16 Kilometern und 1.570 Höhenmetern ununterbrochen bis ins Tal. Klingt anstrengend, ist aber durch die vielen Skiwege schaffbar.
Schneesicheres Schnäppchen
Pluspunkte sammelt das Resort auch beim Thema Finanzen: Die Preise für Skipässe sind im europäischen Vergleich deutlich budgetfreundlicher, ebenso wie die Tarife für Ski- und Snowboardkurse sowie Leihausrüstung. Unkompliziert gestaltet sich auch die Anreise – mit dem Shuttle-Taxi ab dem Flughafen Sofia erreicht man Bansko in rund zwei Stunden.
Durch seine Schneesicherheit hat sich das Pirin-Gebirge auch als beliebter Spielplatz der Freeride-Szene etabliert. Zahlreiche Profi-Guides bieten mittlerweile geführte Touren an. Etwas gemütlicher geht’s mit Schneeschuhen zutage – auch hier führen Local Guides entlang der schönsten Routen. Wer genug vom Schnee hat, kann sich in Bansko natürlich auch anderweitig sportlich austoben – etwa beim Eislaufen oder beim Yoga.

Abseits der Piste
Bei so vielen Aktivitäten darf natürlich auch die Entspannung nicht zu kurz kommen. Heiße Empfehlung: ein Ausflug ins 15 Minuten entfernte Dorf Banya (bulgarisch für „Badezimmer“). Der sich gleich mehrfach auszahlt – einerseits wegen der Naturheilquellen, die mit 37 bis 42 Grad Wassertemperatur jedem Muskelkater den Garaus machen, andererseits wegen der zahlreichen archäologischen Funde, die von der Geschichte der Balneologie erzählen.
Auch Bansko hat kulturell einiges zu bieten, von einem Museumskomplex mit drei verschiedenen Ausstellungen bis zur Altstadt selbst, die das Auge mit traditioneller Architektur und mehreren sehenswerten Kirchen verzückt. Um intensiv in die Historie einzutauchen, lohnt sich eine Stadtführung in jedem Fall.
Hungrig bleibt hier niemand

Zu guter Letzt kommen wir noch auf die bulgarische Kulinarik zu sprechen, die stark von Mittelmeerraum, Balkan und der Türkei geprägt ist. Am ursprünglichsten speist es sich in den Mehanas: einfache Wirtshäuser, in denen sich die Bodenständigkeit der landestypischen Küche widerspiegelt – und die oft ein Folkloreprogramm obendrauf servieren. Fleisch spielt hier zweifellos die Hauptrolle; trotzdem halten die Menüs auch stets Salate (Klassiker: Shopska) und andere vegetarische Optionen bereit. Wem bulgarische Küche zu deftig ist, der hat in Bansko leichtes Spiel: Dank unzähliger internationaler Restaurants und der hippen Cafés der Digital-Nomad-Szene wird der Ort mittlerweile sämtlichen Ernährungsstilen gerecht.
Ein schlauer Tipp zum Schluss: Schon während des Tages ein paar Einkehrschwünge in die Skihütten einplanen! So bekommt man ein noch besseres Bild von der regionalen Küche – und sichert sich gleich die passende Unterlage fürs Aprés-Ski. Denn auch im Feiern ist Bansko ziemlich gut.
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Beitragsbild: Zefart/Shutterstock

