KUBA, unplugged

Eine Reise, die mit einem Ford-Oldtimer Baujahr 1954 beginnt und mit der Erkenntnis endet, dass auch die Zeit in diesem Jahr stehen geblieben ist.

Unsere Reise beginnt in Havanna, der einst schillernden und pulsierenden, doch nun bröckelnden Hauptstadt Kubas. Zwischen bunten Oldtimern, kolonialen Fassaden und dem weiten Platz der Revolution, an dem sich beim Besuch von Papst Johannes Paul II. über eine Million Kubaner versammelten, liegt eine Stadt, die atmet, tanzt und lebt. Im Hotel Nacional scheint die Zeit stillzustehen – hier, wo einst Al Capone und Lucky Luciano Cocktails schlürften, weht noch der Geist der 1930er-Jahre durch die Hallen. Am Abend dann ein Mojito in einer der unzähligen Bars der Altstadt, begleitet von den melancholischen Klängen der Livemusik. Doch bald schon verlassen wir die quirlige Metropole – und außerhalb Havannas wird es still, sehr still.

Viñales – wo die Zeit im Tal des Tabaks ruht. Hinter uns verschwindet der Lärm der Stadt, vor uns öffnet sich das satte Grün von Viñales. Gewaltige Kalksteinfelsen ragen aus dem Nebel, während Ochsen mühsam die Felder durchpflügen. Das Tal des Tabaks ist eine Welt für sich: Hier wird noch per Hand geerntet, gerollt und fermentiert, um die berühmten Cohibas und Montecristos herzustellen. Ein Leben, das entschleunigt – Kuba unplugged in seiner reinsten Form.

Ein Hauch von Karibik. Von den Bergen geht es hinunter ans Meer. Playa Larga, ein verschlafenes Fischerdorf in der Schweinebucht, lockt mit türkisfarbenem Wasser und puderzuckerweißem Sand. Wir genießen ein Bad in der karibischen See, während Fischer in ihren kleinen Booten vorbeiziehen. Elektrizität? Fehlanzeige für die nächsten Stunden. Aber was braucht man schon Licht, wenn die Sonne hier ohnehin bis in die Nacht den Horizont rötet?

Zucker, Sklaven und Salsa. Unsere Route führt uns weiter nach Trinidad – eine Stadt, die sich wie ein lebendiges Freilichtmuseum anfühlt. Kopfsteinpflasterstraßen, bunte Kolonialhäuser und Spuren des Zuckerrohrbooms erzählen von einer glorreichen, aber dunklen Vergangenheit. Einst das Zentrum des Zuckerhandels, verdankt die Stadt ihren Reichtum Tausenden von Sklaven, die hier auf den Plantagen schufteten. Heute ist sie ein Kleinod mit quirligem Nachtleben, und auf der Plaza Mayor tanzt man Salsa unter freiem Himmel. Ein Abstecher zum Playa Ancón bringt Abkühlung – der Strand ist ein Postkartenidyll mit Palmen, einfachen Bars und Restaurants und fangfrischen Langusten, die auch gleich direkt gegrillt werden.

Santiago de Cuba – die rebellische Seele Kubas. Weiter geht es nach Osten, in die zweite Hauptstadt des Landes: Santiago de Cuba. Hier liegt José Martí begraben, und auch Fidel Castros schlichtes Grab zieht Pilgerströme an. Neben dem Capitol in Havanna sind diese Gedenkstätten das Gepflegteste, das wir auf unserer Reise zu sehen bekommen. Die Stadt ist von Revolution durchtränkt, zwar scheiterte am 26. Juli 1953 der erste Versuch Fidel Castros, dennoch gilt der Tag als Geburtsstunde der kubanischen Revolution. In den engen Gassen pulsiert das Leben, beeinflusst von afrikanischen und karibischen Rhythmen. Wir spüren die vibrierende Energie der Stadt, bevor uns die Reise in den abgeschiedenen, von Touristen wenig besuchten Osten führt.

Wo Kolumbus Amerika entdeckte. Baracoa ist anders. Hier, wo 1492 Christoph Kolumbus anlandete, scheint sich die Welt noch mehr entschleunigt zu haben. Die Straßen sind staubig, die Menschen entspannt, und überall duftet es nach Kakao – der beste Kubas kommt aus dieser Region. In der Kirche von Baracoa bewundern wir das Holzkreuz, das Kolumbus am Strand von Baracoa hinterließ, bevor wir durch den Yumuricanyon wandern und die unberührte Natur auf uns wirken lassen. Ein fast magischer Ort, der Kuba von einer ganz anderen Seite zeigt. Vielleicht liegt es auch daran, dass dieser Ort bis 1964 ausschließlich auf dem Seeweg erreichbar war.

Zurück in die Zivilisation. Teilweise über Schotterstraßen und im Schritttempo führt unsere Reise zum letzten Halt, Guardalavaca. Nach den vielen Eindrücken der letzten Tage scheint die kleine Küstenstadt fast surreal. Hier gibt es Luxushotels, Strom rund um die Uhr und Annehmlichkeiten, die wir fast vergessen hatten. Ein paar Tage Entspannung am Strand sind der perfekte Abschluss dieser Reise.

Kuba unplugged. Über 2.000 Kilometer sind wir durch ein Land gereist, das sich näher an der großen Vergangenheit als in der Zukunft befindet. Havannas Lichter mögen hell leuchten, doch je weiter wir uns von der Hauptstadt entfernten, desto dunkler wurde es – im wahrsten Sinne des Wortes. Vier bis sechs Stunden Strom pro Tag, wenn überhaupt, Tausende zum Teil badenwannengroße Schlaglöcher in den Straßen und eine Bevölkerung, der man von Herzen alles erdenklich Gute wünscht. Doch genau das machte diese Reise so besonders: Ein Kuba, das noch unverfälscht ist, das entschleunigt, das uns zum Staunen brachte. Kuba unplugged – eine Erfahrung, die bleibt.

Text: Harald Kopeter / Fotos: Harald Kopeter / Canva