Auf den Spuren von Humboldt und Darwin

Tukan auf einer Bananenpflanze im Mashpi Reservat in Ecuador

Wenn Touristen heute Quito, Bergregenwälder und die Vulkane des Andenstaats Ecuador erkunden, wandeln sie auf den Spuren von Alexander von Humboldt.

Text & Fotos: Sabine und Sepp Puchinger

Über drei Monate brauchte Alexander von Humboldt, um auf seiner Amerikareise von Kolumbien nach Ecuador zu gelangen. Das Land am Äquator wurde ab 1802 zu seiner wissenschaftlichen Spielwiese – und Quito war der Ausgangspunkt.

Immer Frühling

„Die Geschichte der Hauptstadt liest sich wie ein Kriminalroman – wechselvoll, spannend, gegensätzlich“ erzählt Dom Hamilton, der als Lonely-Planet-Autor Welterfahrung sammelte und in Quito samt Familie seine neue Heimat fand. „Das Volk der Quitu wurde zwar von den Inka besiegt, aber die Stadt Quito entwickelte sich weiter, wurde zu einem der Zentren des Inkareiches und der späteren Kolonialherren aus Spanien. Die Stadt am Fuße des Vulkanes Pichincha wuchs zu einer der attraktivsten Hauptstädte Lateinamerikas, die Spanier errichteten protzige Kulturdenkmäler mit Palästen, 100 Kirchen und über 50 Klöstern.“ So ist heute der Spaziergang von der charmanten Plaza Grande zur blattgoldprotzenden Jesuitenkirche La Compania – das wohl kostbarste Juwel der Stadt – über die Plaza San Franzisco zu Quitos ältester Straße Calle de la Ronda ein Kunstgenuss erster Klasse. 1978 wurde die Hauptstadt Ecuadors als weltweit erste Stadt mit dem UNESCO-Weltkulturerbe-Status geadelt! Also rein in die Welt der engen Gassen mit prall gefülltem Leben, rein in die Welt der Paläste, Patios und Plazas. Schleckermäulchen und Gourmets, aufgepasst: Der Besuch einer Schokoladenfabrik und das Genießen der ecuadorianischen Küche ist ein Muss. Die besten Überblicke über die 2,2-Millionen Metropole mit Centro Historico (Altstadt), modernen Hochhausbezirken und den Armenvierteln hat man vom Aussichtshügel El Panecillo inmitten der Stadt. Hier ist auch die enorme Schere zwischen Arm und Reich deutlich zu sehen. Noch eindrucksvoller ist es mit der Gondel (TeleferiQo) rauf auf atemraubende 4.000 Meter zu schweben, um dort einen Fünf-Sterne-Panoramablick zu ergattern. Mit viel Mühe hatte 1802 Alexander von Humboldt als einer der ersten Besteiger den 4.794 m hohen Pichincha während eines Erdbebens erklommen.

Die Iglesia de Compania in Quito – ein Schmuckstück des lateinamerikanischen Barocks
Gold, gold – die Iglesia de Compania ist ein Schmuckstück des lateinamerikanischen Barocks.
Die Altstadt von Quito mit dem Aussichtspunkt Virgen del Panecillo
Die Altstadt von Quito samt dem Aussichtspunkt der Virgen del Panecillo genießt UNESCO-Weltkulturerbe-Status.

Adeliges Wohnen

In Eleganz lässt es sich am schönsten Platz der Stadt, der kolonialen Plaza San Franzisco, wohnen. „Über einem Inkatempel errichtet, residierten in diesem Haus einige Präsidenten, bevor es abbrannte und danach die Familie Gangotena mit dem Kauf und aufwendiger Renovierung den Niedergang stoppen konnte. Heute ist es ein Hoteljuwel im ‚Centro Historico'“, erzählt uns Dom. Tatsächlich wandelt man in den Sälen und Innenhöfen der Casa Gangotena durch die kolonialen Jahrhunderte. Der Ausblick von der Terrasse auf die San-Franziskus-Kirche und das Kloster mit seinem wunderschönen Kreuzgang – beide über Inkaruinen aufgebaut – lässt sich am besten von der Dachterrasse bei einem Pisco Sour zelebrieren. Natürlich fällt der Blick auch auf das Markttreiben am Platz, dort pulsiert der Alltag – Lateinamerika live! Und es sind nur wenige Meter in die Santa-Clara-Markthallen. Dort türmen sich Obstpyramiden an den Ständen, dort residieren die Kräuterhexen. Viele Quitenos konsultieren vor dem Arzt die Kräutersenoras. Gegen Lebensfrust und vieles mehr gilt die Zauberpflanze Ayahuasca als Allheilmittel. In Wasser kochen, den Sud schlürfen – und rein in die Welt der Halluzinationen.

Das Hotel Casa Gangotena in Quito – eine architektonische Zeitreise
Eine architektonische Zeitreise – in der Casa Gangotena entschwebt der Besucher in vergangene Jahrhunderte.

Frösche, Kolibris & Co – Die grüne Lunge

Vorbei am Äquatordenkmal Mitad el Mundo, vorbei am 5.700 m hohen Riesenvulkan Cayambe, führt die Reise in den Berglanddschungel. Gut 100 Kilometer sind es von der Kapitale zum nördlich gelegenen Mashpi-Reservat, wo eine der schönsten Eco-Lodges von Südamerika zum Entdecken lädt. Das geschützte Gebiet liegt auf 500 bis 1.000 Höhenmetern, ist Teil des Choco-Bergnebelwalds, der sich westlich der Anden von Panama bis in den Norden Ecuadors zieht. „Es ist ein Übergangsort von tropischem zu subtropischem Klima – ein lebendiges Ökosystem mit einer riesigen Artenvielfalt, ein Mikrouniversum an Fauna und Flora“, erklärt Guide Santiago. 400 der mehr als 1.600 Vogelarten Ecuadors leben hier, darunter allein 35 Kolibri-Arten. Vom Affen bis zur Gottesanbeterin, vom Pekari bis zum Puma versteckt sich hier alles. Star ist der kleine Mashpi-Baumfrosch, der hier entdeckt wurde. „Das Reservat ist jedenfalls viel mehr als ein schnell zu erreichender Amazonien-Ersatz in Ecuador“, verspricht Santiago und marschiert zum Kolibri Garden und zum Sky Bike, wo man am Seil hängend über den dampfenden Dschungel radelt. Im Sinne von Humboldt entdecken hiesige Wissenschaftler auch noch heute unbekannte Tierarten. Leider sind nur noch acht Prozent des Bergnebelwalds in Ecuador intakt, Tendenz sinkend. Zum Höhepunkt wird die Nachtwanderung. Der Wald lebt, die Geräusche des „Dschungelorchesters“ sind beeindruckend. Während wir Gäste nur „dunkel“ sehen, ist Santiago in seinem Element. Er ortet Frösche, Grillen und eine Baumschlange, Tausendfüßler und eine Tarantel – und erklärt alles mit viel Wissen.

Besucher fahren mit dem Sky Bike über den Dschungel im Mashpi Reservat
Aktiv über den Dschungel strampeln Besucher mit dem Sky Bike.
Kolibri trinkt Nektar aus einer Hand im Mashpi Kolibri Garden
Vollpension mit Nektarnahrung gibt es im Mashpi Kolibri Garden.

Höhenluft am Cotopaxi

Schon am Weg zurück in den Süden nach Quito beherrscht ein Riesenvulkan das Blickfeld – der Cotopaxi. Durch seine klassische Kegelform mit der Eiskappe am Gipfel entspricht er dem Idealbild eines Stratovulkans. Den einheimischen Völkern galt der 5.897 Meter hohe Vulkangigant schon vor dem Beginn der Inkaherrschaft im 15. Jahrhundert als heiliger Berg, als „Apu“ (Quechua „Herr“ oder „Gott“). Berge wurden als Regenspender und Fruchtbarkeitsgaranten verehrt. Am Fuß des 5.897 m hohen aktiven Cotopaxi war Humboldt tätig, sammelte Gestein und war fasziniert von der baumlosen, halbwüstenartigen Hochlandsteppe, dem Paramo (übersetzt „schlechtes, baumfreies Land“). Beim Besteigungsversuch kam er auf 4.500 Meter. Wie viel leichter ist die Reise zum Cotopaxi heute. Durch den 1975 eingerichteten Nationalpark geht es mit dem Auto rauf auf 4.658 m, bevor es für Bergfexe so richtig anstrengend wird. Auf 4.800 m Höhe befindet sich die José-Ribas-Schutzhütte für die Nächtigung, dann sind es ca. sechs atemraubende Stunden über den Gletscher rauf zum Kraterrand und zum Gipfel – wenn die Wettergötter mitspielen …

Der schneebedeckte Vulkan Cotopaxi in Ecuador
Der Vulkan Cotopaxi (übersetzt Hals des Mondes) galt schon den Völkern vor den Inka als heilig.

Die verwunschenen Inseln

„Alles sieht aus“, schrieb der Entdecker Tomas de Berlanga, „als ob Gott hier vergessen hätte, Vegetation zu schaffen.“ Der spanische Gottesmann war 1535 auf dem Seeweg nach Peru hierher verschlagen worden. Er bestaunte riesige Schildkröten und furchterregende Echsen. Gold fand er nicht, bloß scheinbar wertloses Land. Er verließ die „Islas Encandadas“ (die verwunschenen Inseln), die fortan für Piraten als Versteck dienten. Doch die Zeiten änderten sich. Spätestens Charles Darwin rückte mit seiner Evolutionstheorie die Galapagos-Inseln ins Rampenlicht. Und seit 1959 stehen gut 97 % der gesamten Landfläche des Archipels und 99 % der umgebenden Gewässer unter strengem Naturschutz – unter dem wachsamen Auge der UNESCO. Es ist jedenfalls ein wenig spooky, wenn die ersten Leguane bereits am Flugfeld über den Weg krabbeln, Pelikane auf Du und Du am Geländer sitzen und die Seelöwen am Hafenpier die internationale Gästeschar neugierig begaffen. Von hier pendeln die Zodiacs zum HX-Expeditionsschiff Santa Cruz II, das den wundersamen Inselarchipel befahren darf. Eine Reise in die Schöpfungsgenese zu Vulkaninseln und einer wundersamen Tierwelt darf beginnen.

Seelöwen am Strand der Galapagos-Inseln mit Expeditionsschiff im Hintergrund
Wie zu Darwins Zeiten – per Schiff durch den Galapagos-Archipel.

Flugshow der Wale

Tags darauf ankert die Santa Cruz II vor der Insel Isabela im westlichen Archipel. Der Zodiacfahrer düst zu den Steilklippen, wo Blaufußtölpel, Galapagos-Pinguine und flugunfähige Kormorane leben und ihr Morgenkonzert geben. Heute stehlen allerdings in der Bucht kreisende Wale der Vogelwelt die Show. Genauso spektakulär ist der erste Schnorchelgang, wo wir in Greifdistanz zu Mondfischen, Meeresschildkröten und Seelöwen dahingleiten. „Wir verzichten an Bord auf Animation, jeder Landgang ist eine Show“, erklärt Guide Veronica und lädt nachmittags zur Entdeckung von Fernandina, der jüngsten Insel des Archipels. Es ist das Eiland der schwarzen Urviecher, der Meeresleguane. Die teilen sich die Insel mit Tausenden Leichtfußkrabben und Pinguinen. Ein Respektabstand von zwei Metern wird dabei zu den Tieren eingehalten, die den Menschen auf Galapagos nicht als Aggressor und übermächtigen Feind erleben.

Lehrbuch der Urgeschichte

Die gelungene Mischung aus Tiersafari, Urlauben und „Wissen tanken“ begeistert alle. Dazu gehört auch die Trockenlandung auf der Insel Santa Cruz, Heimat der Charles-Darwin-Forschungsstation. 1964 errichtet, ist die Station heute Ausbildungszentrum für Naturführer und natürlich Aufzuchtstation für Riesenschildkröten (spanisch „Galapagos“). Hier fristete „Lonesome George“ sein einsames Dasein, er war der letzte Überlebende einer Riesenschildkröten-Unterart der Insel Pinta. „Fortpflanzungsversuche blieben erfolglos, George starb mit ca. 100 Jahren – und hat heute sein eigenes Mausoleum“, berichtet unser Guide. Dort stellt sich auch die Frage: Überlebt Galapagos in seiner Ursprünglichkeit? Die Encantadas sind für Ecuador längst keine „verwunschenen Inseln“, vielmehr ein exklusiver Devisenbringer. Veronica versucht zum Abschied die Antwort zu geben. „Der Weg ist klar. Die Inselwelt muss als Forschungsstation für die Menschheit erhalten bleiben.“

„Es ist nicht die stärkste Spezies, die überlebt, auch nicht die intelligenteste, sondern eher diejenige, die bereit ist, sich zu verändern.“

Charles Darwin (1809–1882)

Reisetipps Ecuador & Galapagos

Anreise: KLM fliegt über Amsterdam nach Quito, guter Service und unter Verwendung nachhaltiger Kraftstoffe. airfranceklm.com. Einreise: gültiger Reisepass, bis zu 90 Tage visumfrei.

Reisen im Land: HX Expeditions: travelhx.com/de – UNESCO-Quitotrip und Galapagos-Inselhopping kombiniert. metropolitan-touring.com: hochwertiger Veranstalter aus Ecuador, sorgt für das Komplettprogramm, auch Flüge werden organisiert.

Unterkunft: Casa Gangotena: asagangotena.com – erstklassiges, kolonial geprägtes Hotel mit feiner ecuadorianischer Küche an der historischen Plaza San Franzisco, ideale Lage im Centro Historico. Mashpi Lodge: mashpilodge.com – ökologisch ausgerichtete Lodge, hochwertige Touren vor Ort inkludiert.

Sehenswert: Museen in Quito: museosquito.gob.ec. Schokoladenfabrik Quito: cheztiff.net. TeleferiQo Quito: teleferico.com.ec – die wohl spektakulärste Aussicht auf Quito.