Sussex: Ohne Battle in der Schlage

Sussex | Foto: Spreitzhofer

Weiße Klippen und saftige Weiden, manchmal ein Schloss und immer viel Eis am Pier: Die britische Sunshine Coast hat Charme – mit oder ohne Schirm und Melone. 

Text und Fotos von Günter Spreitzhofer

Dienstag ist Steakday. Zumindest in der Cornfield Garage, einem legendären Pub in Eastbourne, wo das Guinness noch dunkler schäumt als anderswo. Wer dennoch auf Caldedonian Burger oder Haggis mit Whisky-Sauce besteht, ist auch nicht schlecht beraten. Haggis ist übrigens gefüllter Schafsmagen. „Enjoy“, sagt Ramesh, der indische Kellner, der jeden Sommer zur Aushilfe kommt. „Holiday season in Sussex, you know.“

Sussex

Sussex, eine der 30 Grafschaften Englands, war einmal selbst Königreich und ist bloß halb so groß wie Salzburg. Der Name besteht seit 477 – und bedeutet Südsachsen, die sich hier im 6. Jahrhundert breitmachten, was nichts mit den vielen Sprachschülern aus ganz Europa zu tun hat, die hier alljährlich ihre Schulsprachkurse absolvieren. Prinz Harry wurde 2018, anlässlich seiner Hochzeit mit Meghan Markle, von Queen Elizabeth II. zum Duke of Sussex ernannt – ein Erbtitel, der auf seinen Sohn Archie übergehen wird, sollte das diesen je interessieren, drüben in Amerika. Und königliche Relikte finden sich zuhauf, nicht nur im indo-sarazenischen Royal Pavilion von Brighton, der früheren Sommerresidenz von George IV.
Der Homo Heidelbergensis, einer der ältesten menschlichen Vorfahren, war schon vor 500.000 Jahren da, lange vor den Invasionen von jüngeren Sonnenbadenden und älteren Pensionisten. Manchmal auch umgekehrt, mit oder ohne Tattoo. Allen gefällt es entlang der britischen Sun­shine Coast zwischen Brighton, Eastbourne und ­Hastings, der trockensten und wärmsten Grafschaft Großbritanniens, wo Dutzende Kilometer Strandpromenaden und tägliche Konzerte in den Bandstands ­locken. Dort landete 1066 William, Normanne und besser bekannt als der Eroberer, focht mit 7.000 Recken die Schlacht von Hastings gegen König Harald II. aus und siegte deutlich. Das mag so manchem britischen Adeligen bis heute sauer aufgestoßen sein, Haggis hin oder her.

Kreideklippen

Landeinwärts geht es nicht besonders hoch her. Blackdown, der höchste Gipfel, ist gerade 280 Meter hoch – inmitten von saftigen Weiden und blühenden Disteln, vielen Schafen und ein paar Kühen. Eine sanft-hügelige südenglische Idylle, unterbrochen von steinernen Dörfern mit urigen Pubs. Doch ganz im Süden, am Ärmelkanal, geht es bisweilen plötzlich unvermittelt steil hinunter. Sehr steil. Die Kreideklippen der South Downs fallen bis zu 160 Meter ab, bis hinunter zum Meer, wo weit in der Ferne die Steilküsten der französischen Normandie zu erahnen sind. Dort ist William einst gestartet und hat wohl länger gebraucht als die Autofähre von Newhaven nach Dieppe, die die Strecke im Normalfall in vier Stunden schafft. „Manchmal ist es ein wenig stürmisch“, sagt Pierre, „dann bleiben wir im Duty-Free-Bereich, das lohnt sich oft mehr als die Aussicht.“ Das Guinness ist auf jeden Fall schwarz. Und die Parfums deutlich billiger als in Frankreich, wo er sie verkauft.

Sussex

Doch heute sind die gewaltigen weißen Kreideklippen auch aus der Ferne gut zu sehen. Der Weitwanderweg im Nationalpark South Downs zieht sich über 160 Kilometer entlang der britischen Südküste, näher oder ferner dem Abgrund, das bleibt den Wandernden überlassen. Schrägen Wind gibt es und viel Salz in der Luft, blökende Lämmer, gelben Ginster und sehr viel sattes Grün, je nach Jahreszeit. Absperrungen sind selten und bisweilen lässt sich’s auch zum Steinstrand absteigen: bei Cuck­mere Haven etwa, wo der Cuckmere-Fluss unterhalb des historischen Coastguard Cottage von 1822 in malerischen Mäandern den Weg ins Meer findet – ein perfekter Drehort für Kevin Costners Abenteuerfilm „Robin Hood – ­König der Diebe“ (1991).

Harry Potter und der Feuerkelch

Auch bei Birling Gap, wo man sich mit Sandwiches stärken und bei Regengüssen unterstellen kann, ermöglicht ein Stahlleiterturm den Weg hinunter zur Küste. Die Kiesel dort sind faust- bis fußballgroß und die Wucht der Brandung beeindruckend, genauso wie die paar Schwimmer, denen 18 Grad Celsius Wassertemperatur im Juli wenig auszumachen scheinen. Viel wärmer wird es nie. Der Weiler liegt an der Abbruchkante zwischen Beachy Head, mit 162 Metern die höchsten Klippen Südenglands bei Eastbourne, und den Felsformationen der Seven Sisters: Auch diese waren immer wieder Filmkulisse, zuletzt für die Verfilmung von Joanne K. Rowlings „Harry Potter und der Feuerkelch“ (2005).

Sussex, ein Landstrich wie eine Kulisse: Das ist bei Herstmonceux Castle nicht anders, wo bis 1988 das Royal Greenwich Observatory untergebracht war und BBC die Chroniken von Narnia drehen ließ. Oder die Schlösser Bodium und Arundel, wo im April 80.000 Tulpen blühen wie anderswo Glockenblumen. Viele der Schlösser sind Ruinen geworden, wie Pevensey oder Hastings, wo im Stundenrhythmus schaurige Filme über die Battle of ­Hastings gezeigt werden, die aber eigentlich zehn Kilometer landeinwärts stattgefunden haben soll. Der Ort heißt übrigens Battle (engl. Schlacht) – wie sonst?

Sussex

Enjoy the Brits!

Hastings selbst ist heute wohl bedeutend spannender: Ein pittoreskes Fischerdorf, komplett mit Fishermen’s Museum, Aquarium und Miniatureisenbahn, auf der heute vor allem Urlauber sitzen, denen der Weg hinauf zum Castle zu mühsam und die Standseilbahn dorthin zu teuer ist – übrigens die steilste Englands. „Die fünf Pfund sparen wir und bleiben lieber in der George Street, kaufen eine Kleinigkeit im Roby & Dandy Vintage Store“, lassen Pamela und Denis aus Sheffield keinen Zweifel an ihrer perfekten Urlaubsgestaltung. „Unsere Kinder sind heute Kart fahren“. Gestern waren sie übrigens alle in Brighton. Am Palace Pier, 124 Jahre alt und 525 Meter lang, mit einem riesigen Vergnügungspark am hinteren Ende, Spielhallen und Riesenrad inklusive. Eine Kugel Eis gibt es da ab 4,50 Pfund (= 5,3 Euro!), eine Schnitte Melone ab zwei Euro. Die Warteschlange davor ist heute jedenfalls makellos, in guter britischer Tradition: Drängeln ist anderswo. Dass William mit seinen Normannen die Eisdiele rascher erobern würde, ist nicht auszuschließen. Und Archie wäre wohl auch gleich dabei.
Enjoy the Brits!

Linktipps

visitbritain.com/de
southdowns.gov.uk
visitengland.com/things-to-do/east-sussex